Kriegsflüchtlinge in der Ukraine Es fehlt an allem

Eine alte Frau in einer temporären Flüchtlingsunterkunft in der ostukrainischen Großstadt Dnipropetrowsk.

(Foto: Getty Images)

1,5 Millionen Menschen sind wegen der Kämpfe dort aus der Ostukraine geflohen. Der Todesangst können sie entkommen, doch ihr Alltag bleibt voller Entbehrungen. Während sich die EU in Solidarität übt, ist ein Ende der Katastrophe nicht in Sicht.

Reportage von Luisa Seeling, Dnipropetrowsk

Regen prasselt auf das olivgrüne Zelt, der Boden ringsum, eigentlich ein Parkplatz im Zentrum von Dnipropetrowsk, hat sich in eine schlammige Brühe verwandelt. Im Zeltinneren qualmen zwei Feldöfen. Daneben sitzen Menschen dicht gedrängt auf Holzbänken, tragen sich in Listen ein oder warten. Es sind Kriegsflüchtlinge aus dem Donbass, die es in die Auffangstelle einer örtlichen Hilfsorganisation geschafft haben. Die meisten von ihnen sind Frauen.

Das Zelt steht hinter einem heruntergekommenen Betonbau am Karl-Marx-Prospekt, der Hauptverkehrsstraße von Dnipropetrowsk. Es ist der Empfangsraum der Erstversorgungsstelle. Flüchtlinge können in dem fünfstöckigen Gebäude ein paar Tage unterkommen, bevor sie sich eine eigene Unterkunft suchen müssen. In kargen, notdürftig hergerichteten Räumen werden sie registriert, medizinisch versorgt und mit dem Nötigsten ausgestattet. Helfer verteilen gespendete Kleider, auch psychologische Betreuung wird angeboten.

Dnipropetrowsk ist die drittgrößte Stadt der Ukraine, sie liegt nur 200 Kilometer entfernt von der Region um Donezk, wo trotz des Minsker Abkommens geschossen wird. Auch anderswo geht das Töten weiter: Am Wochenende starben bei einem Raketenangriff auf die Hafenstadt Mariupol mehr als 30 Menschen. An den folgenden Tagen wurde an mehreren Orten gekämpft, mit Toten auf beiden Seiten. Die Regierung in Kiew hat für ihre Soldaten "Abschussprämien" eingeführt: Für ein vernichtetes Fahrzeug der Aufständischen bezahlt der Staat umgerechnet 600 Euro, für einen zerstörten Panzer 2400 Euro.

Flucht vor Todesangst und ständigen Entbehrungen

Nach UN-Angaben sind mehr als 900 000 Menschen aus den umkämpften Gebieten in andere Landesteile und weitere 600 000 nach Weißrussland oder Russland geflohen. Auch Viktoria Vdovichenko hat die ständige Todesangst und die Entbehrungen nicht mehr ausgehalten. Die 38-Jährige, kräftige Statur, rote Wollmütze, ist im Juli aus Donezk nach Dnipropetrowsk geflüchtet. Ihre beiden Kinder, zwölf und drei Jahre, und ihren Vater hat sie mitgenommen. Ihr Mann ist zurückgeblieben, um seinen todkranken Vater zu pflegen.

Seit Monaten leben sie und ihre Kinder von dem Hilfsgeld, das ihr Vater bekommt. Der 72-Jährige hat einen Behindertenausweis, ihm stehen monatlich 2500 Griwna zu, etwa 140 Euro. Hinzu kommt das Wenige, das Vdovichenko als Aushilfe in einer Fabrik verdient. "Aber es fehlt an allem", sagt sie, "an Lebensmitteln, aber auch an praktischen Dingen wie einer Waschmaschine." Sie schimpft auf das undurchsichtige Listen-System, nach dem Hilfsgüter und Geld verteilt werden. Da gebe es das Rote Kreuz, die Heilsarmee, die ukrainischen Behörden und diese Auffangstelle, die vom UN-Flüchtlingshilfswerk und anderen Hilfsorganisationen unterstützt wird. Stehe man bei den einen auf einer Liste, werde man von einer anderen gestrichen. "Im Grunde muss ich mich zwischen Mikrowelle und Essen entscheiden."