Krieg in Libyen Gaddafi dreht seinem Volk das Wasser ab

Der wankende Diktator Gaddafi versucht, die Trinkwasserversorgung von Tripolis zu unterbrechen. Die Aufständischen könnten bald Mühe haben, die Hauptstadt zu halten: Das Wasser wird knapp. Die libysche Hauptstadt hat lediglich Reserven für einen halben Tag. Zudem bricht die Stromversorgung inzwischen zusammen, mit katastrophalen Folgen auch für die Krankenhäuser, in denen Tag und Nacht operiert wird.

Eine Reportage von Tomas Avenarius, Tripolis

Die Millionenstadt am Mittelmeer hat kaum eigene Wasserreserven. Die Versorgung der Hauptstadt läuft über eine einzige große Pumpstation im siebenhundert Kilometer entfernten Hassuna im Süden des Landes. Von dort wird fossiles Wasser aus dem "Great man made River" eingespeist - ein ökologisch katastrophales Projekt im Zeitalter der Entsalzungsanlagen.

"Gaddafi-Truppen haben Hassuna angegriffen"

Der "große, von Menschen gemachte Fluß" war das Paradeprojekt Gaddafis: Aus unterirdischen, frühzeitlichen Reservoirs wird Trinkwasser über ein das ganze Wüstenland durchziehendes und mehrere tausend Kilometer langes Röhrensystem in die Hauptstadt gebracht. Der Betrieb dieser Pumpstationen ist hochkomplex und er ist computergesteuert - und damit sehr leicht zu stören.

"Gaddafi-Truppen haben die zentrale Station in Hassuna angegriffen. Die Ingenieure sind geflohen, kehren aus Angst nicht zur Arbeit zurück", sagte Mohamed Omeish der Süddeutschen Zeitung. OMeish gehört zur "Koalition des 17. Februar" und hat den Aufstand gegen Gaddafi in Tripolis von Anfang an mitorganisiert. "Wir schicken nun ein Team dorthin, um die Anlage wieder anzufahren. Das kann mindestens zwei Tage dauern."

Die umkämpfte Millionenstadt ohne Wasser - das könnte den Siegeszug der Revolutionäre rasch stoppen oder zumindest ihre Sieg hinauszögern. Schon gibt es kaum noch Wasser zu kaufen in den Geschäften. Die Rebellen organisieren nun Tankwagen. Doch noch immer gibt es Zehntausende Gaddafi-Anhänger in Tripolis. Einzelne Stadtteile und der Flughafen werden von den Rebellen nach den fünftägigen Kämpfen noch immer nicht wirklich kontrolliert.

Der "Bruder Führer" selbst und seine Söhne sind zwar untergetaucht - wohin, weiß keiner. Aber Teile ihrer Truppen kämpfen weiter in Tripolis, unterstützt von Anhängern des "Revolutionsführers". Auch wenn die Sicherheitslage sich verbessert hat - Tag und Nacht wird geschossen.

Gerüchte über vergiftetes Wasser

Gerüchten zufolge soll der untergehende Machthaber in seiner Endzeitstimmung sogar befohlen haben, die Wasservorräte für die Hauptstadt zu vergiften. "Nein, nein, da stimmt nicht", sagt Abdur-Razak Abu Hajjar, Chef des revolutionären Stadtrats von Tripolis der SZ. Der Stadtchef verbreitet notgedrungen Optimismus: "Der Große Menschengemachte Fluß ist nicht vergiftet. Die Pumpanlage in Hassuna ist auch nicht zerstört. Sie ist nur außer Betrieb." Seine Botschaft: "Wir können sie bald wieder anfahren."

Dafür aber müssen die Rebellen erst einmal nach Hassuna kommen. Der Ort ist gut siebenhundert Kilometer entfernt. Er liegt im Süden Libyens, wo die Revolutionäre bei weitem nicht so stark sind wie an der Mittelmeerküste mit den großen Städten Bengasi, Misrata und Tripolis. Angeblich soll ein Team von Ingenieuren und Fachleuten nach Hassuna geflogen werden. Aber auch das könnte wegen der Sicherheitslage dauern.

Währenddessen bricht auch die Stromversorgung der Hauptstadt zusammen. Die Straßen sind nachts dunkel: Die Kraftwerke für Tripolis werden mit Diesel betrieben. Nur in einigen Regierungsgebäuden und Hotels laufen Generatoren.

Die Aggregate, die zur Notversorgung der Krankenhäuser gebraucht werden, laufen ebenfalls mit Diesel. Die Kliniken von Tripolis sind voll mit den Hunderten Verletzen der Kämpfe, Tag und Nacht wird dort operiert. Gibt es keinen Sprit mehr, könnte der Betrieb der Kliniken zusammenbrechen. Auch die Mobiltelefone funktionieren kaum noch: Nur ein Teil der Sendestationen wird über Sonnenenergie gespeist. Die anderen beziehen Elektrizität aus dem Stromnetz.

Auch die Rebellen selbst brauchen Benzin für ihre Pickups und Jeeps, mit denen sie sich in der Stadt bewegen, um die Gaddafi-Truppen zu bekämpfen. "Das Militär hat eigene Vorräte angelegt", sagt Omeish.

Was er nicht sagt: Wie lange reichen sie? Nachschub jedenfalls wird eine Weile auf sich warten lassen. In der nahen Hafenstadt Zawija haben angeblich zwie Tanker angelegt mit Diesel und Benzin. Aber sie müssen erst entladen, der Sprit mit Lastern in die Hauptstadtgebracht werden. Auch die Stromversorgung werde "mindestens zwei Tage schwierig bleiben", sagt Omeish.

So ist der Sieg der libyschen Aufständischen über den vor seinem Ende stehenden Machthaber Gaddafi noch lange nicht gesichert.

Und das größenwahnsinnige Projekt des Menschen-gemachten Flusses könnte dem nach 41 Jahren an der Macht untergehenden Diktator helfen, sich noch eine Weile an die Macht zu klammern - auf Kosten seines Volkes.