Kolumne Unbarmherzig

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Keine Weihnachtsstimmung diesmal, kein Gerede von Zuversicht. Die gibt es nicht für Doyle Lee Hamm, der nun getötet werden soll. Und einen letzten Kampf ausficht.

Von Carolin Emcke

Diesmal nicht. Diesmal will es nicht gelingen. Die anderen Jahre war es selbstverständlich, eine Kolumne zur Heiligen Nacht zu schreiben, die aus jener versöhnlichen Zuversicht sich speist, von der die alte Geschichte kündet. All die Gewalt und Versehrung, die uns sonst im Verlauf des Jahres umtreiben, die Ängste und die Verzagtheiten, die uns sonst den Schlaf rauben, all die kleingeistigen Schwächen und Unzulänglichkeiten, mit denen wir sonst hadern, sollen ausgesetzt sein. Mindestens für einen Augenblick. Sollen übergehen in Herzenstakt und Milde. Und natürlich in Freude. Für fromme Menschen ist es der Glaube an die Botschaft der hoffnungsvollen Erzählung, die diese Tage so besonders macht, für anders- oder nichtgläubige Menschen ist es einfach die Unterbrechung der Feiertage, die eine Art inneren Waffenstillstand mit privatem oder politischem Übel nahelegt. All die Rituale, die Kerzen, die Lieder, die guten Wünsche, dienen nicht zuletzt jenem Zweck: Sie sollen uns affektiv abdimmen, gleichsam sedieren gegen theologisch-unpassenden Zorn.

Es gibt Frühstück um drei Uhr nachts, Mittagessen um sieben in der Früh. Die Zeit verschwimmt

Aber das läuft dieses Jahr nicht. Mir ist nicht nach Zuversicht, auch nicht für einige Tage. Denn jeder Tag zählt für diejenigen, denen nicht mehr viele bleiben. Menschen wie Doyle Lee Hamm. Im Januar 1987 war Hamm gemeinsam mit zwei Komplizen verhaftet worden, nach einen Raubüberfall auf ein Motel in Cullman, Alabama, bei dem der Angestellte Patrick Cunningham durch einen Kopfschuss getötet wurde. Die Kasse des Motels, in der sich 350 Dollar befunden hatten, war bis auf ein paar einzelne Münzen leer. Während des Verhörs legte Hamm ein Geständnis ab. Seit ihn damals die Jury des Mordes für schuldig befand, sitzt Hamm in einer Zelle in Alabama und wartet auf seine Hinrichtung. Es gibt Frühstück um drei Uhr nachts, Mittag um sieben Uhr morgens und Abendbrot um 14 Uhr mittags. Sonst gibt es nicht viel. Doyle Lee Hamm verbringt seine abgezählte Zeit mit Domino spielen und mit Lesen. In seiner Zelle in Alabama liest er die Bibel.

30 Jahre auf verlorenem Posten, wo nur das Sterben gewiss ist. 30 Jahre mit der fragilen Hoffnung auf eine richterliche Entscheidung, die sein Urteil umwandelte in eines, das ihn am Leben ließe. Es wäre ein ganzes Leben im Gefängnis, aber eben ein Leben. 27 Jahre lang wurde diese Hoffnung genährt von seinem Anwalt Bernard E. Harcourt. Er war 27, als er den Fall übernahm. Ein junger, kinderloser Anwalt, der von der Law School kam. Heute ist er doppelt so alt, hat zwei Kinder großgezogen, sechs Bücher geschrieben und ist Professor an der Law School der Columbia University in New York. Ich habe mit Harcourt zusammen studiert. Das sollte ich hier erwähnen. Wir sind seit mehr als zwanzig Jahren befreundet, und so lange ich ihn kenne, all die Jahre, reiste er nach Alabama und betreute Doyle Lee Hamm.

"Es gibt eine ganz andere Art von Zeitlichkeit in so einem Gefängnis", erzählt Harcourt. Als er seinen Mandanten das erste Mal im Besuchsraum der "Donaldson Correctional Facility" traf, existierte die Sowjetunion noch, und die "New Kids on the Block" eroberten die US-Charts. Seither gab es die Angriffe auf das World-Trade-Centre, der erste schwarze Amerikaner zog ins Weiße Haus ein und wieder aus, aber im Gefängnis hat sich nichts verändert: "Wenn ich heute durch den Hof gehe, höre ich noch dieselben Vogelstimmen des Südens, es sind dieselben Geräusche der knarrenden Türen, die für mich geöffnet werden, es sind dieselben Sandwich-Maschinen und Cola-Automaten." Die ersten Jahre hat Harcourt die Geschichte von Doyle Lee Hamm recherchiert. Er fand heraus, dass Hamms Kindheit durch Gewalt und einen alkoholkranken Vater geprägt war. Hamm selbst war früh drogenabhängig, schnüffelte Klebstoff und trank. Harcourt konnte nachweisen, dass sein Mandant eine Reihe von schweren Kopfverletzungen erlitten hatte, die vermutlich auch eine Hirnschädigung verursacht hatten.

Doyle Lee Hamm ist mittlerweile an Krebs erkrankt. Er leidet an Lymphdrüsenkrebs. Wie lange er noch zu leben hat, lässt sich nicht sagen. Aber das reicht den Behörden offensichtlich nicht. Ein natürlicher Tod, die normalen Schmerzen des Sterbens sind wohl zu wenig für das Rechtsverständnis in Alabama. Nur so lässt sich erklären, warum der Staat alles daransetzt, Doyle Lee Hamm unbedingt zu exekutieren, bevor der Krebs ihn töten könnte. In diesen Tagen vor Weihnachten erhielt Harcourt nun einen Anruf aus Alabama: Die Hinrichtung von Doyle Lee Hamm sei für den 22. Februar angesetzt.

Wie das gehen soll, ist allerdings unklar: Schon im Herbst hatte ein Arzt bei Hamm "unzugängliche Venen an Armen und Beinen" attestiert. Es sei praktisch unmöglich, einen Zugang für den Gift-Cocktail zu legen, der in Alabama Todeskandidaten injiziert wird. Harcourt hat in den vergangenen 27 Jahren zahllose Einsprüche und Anträge im Namen seines Mandanten geschrieben. Er hat sich um eine Wiederaufnahme des Verfahrens bemüht, hat versucht, das Todesurteil in lebenslänglich (ohne Anspruch auf frühzeitige Entlassung zu wandeln), wieder und wieder wurde er abgewiesen. Alles, was ihm jetzt bleibt, ist ein Einspruch gegen die grausame und unmenschliche Behandlung zu erheben. Er versucht, wenigstens eine andere Methode der Tötung zu erwirken. Injektion, so Harcourt, stamme von lateinisch "inicere" (hineinwerfen, einflößen) das würde auch eine orale Verabreichung gestatten.

Mir ist nicht nach weihnachtlichem Frohmut, nicht nach dieser schmerzfreien Zuversicht, die alles ausblendet, was unerträglich ist. Hoffnung ist nichts, das einfach gegeben wäre, sondern etwas, für das man ausziehen und ringen muss. Barmherzigkeit ist nichts, auf das sich tatenlos vertrauen ließe, sondern etwas, das man fordern und möglich machen muss. Auch das erzählt die Geschichte der Heiligen Nacht. Aber vielleicht hört kaum jemand mehr genau hin. Ob Doyle Lee Hamm an Weihnachten das Lukas-Evangelium liest, weiß ich nicht. "Weihnachten", hatte Harcourt im Gespräch gesagt, "ist im Gefängnis kein so besonderer Tag."