Kolumne Lernen

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Das deutsche Schulsystem ist längst keine Hilfe mehr beim sozialen Aufstieg. Im Gegenteil: Kinder werden entmutigt und die Spaltung der Gesellschaft vertieft.

Von Carolin Emcke

Es ist vielmehr für unsere Untersuchung wesentlich, dass wir nichts Neues mit ihr lernen wollen", schrieb Ludwig Wittgenstein in den "Philosophischen Untersuchungen". "Wir wollen etwas verstehen, was schon offen vor unseren Augen liegt. Denn das scheinen wir, in irgendeinem Sinne, nicht zu verstehen." Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die Bildungsmisere kaum zu ertragen ist: dass eben nichts im Verborgenen liegt, dass es nichts Neues zu dechiffrieren gibt, dass es an Studien wahrlich nicht mangelt. Die Strukturschwächen im deutschen Schulsystem, die substantiellen Mängel an Gebäuden und Ausstattung, die fehlende Unterstützung für Lehrerinnen und Erzieher, die verschleppte Einsicht in die Bedeutung der Digitalisierung - all das liegt schon offen vor uns. Wir scheinen es nur nicht zu verstehen. Oder nicht verstehen zu wollen. Es ist dieses lustvolles Phlegma, mit der die Dringlichkeit aus der Bildungspolitik wegsediert wird, das zunehmend verstört. Selbst wenn der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, immerhin mal so etwas wie ein ängstlich-trotziges Initiativchen wagt, reißt es kaum jemanden aus dem politischen Tiefschlaf.

An der sozialen Durchlässigkeit hängt die Existenz der Demokratie

Die Daten sind alle erhoben. Über ihre Deutung gibt es kaum Kontroversen. Ob es die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist oder der Paritätische Gesamtverband, die Bertelsmann Stiftung oder das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), sie alle kommen zu ähnlich erschütternden Einschätzungen: Das Versprechen auf soziale Mobilität ist im Deutschland des Jahres 2017 ein ideologisches Hologramm, das Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern eine Chancengleichheit vorspiegelt, die sie real kaum je ergreifen können. Schulen und Bildung als Instrumente des Aufstiegs, in denen Kinder, ganz gleich welcher Herkunft, ihr Potenzial entwickeln und ihren Anspruch auf Teilhabe in der Gesellschaft gestalten können, das ist unwahrscheinlicher denn je.

Die Wirtschaftsweisen kamen in ihrem Jahresgutachten 2014/2015 zu dem Urteil, dass "die Aufstiegschancen vor allem in der untersten Einkommensklasse reduziert" worden seien. Der Anteil der Deutschen, die einen höheren Bildungsabschluss haben als ihre Eltern, liegt bei gerade mal 24 Prozent. Damit steht Deutschland am untersten Ende der Skala: In Finnland sind es 56 Prozent, in Frankreich 45, in Polen 44. Zwar nennt die Bertelsmann-Stiftung ihre Analyse schulstatistischer Daten immer noch "Chancenspiegel", die Befunde diagnostizieren aber vor allem die fatale Verkopplung von sozialer Herkunft und mangelnden Bildungs- oder Berufschancen. So liegen Neuntklässler aus benachteiligten Milieus (mit oder ohne Migrationshintergrund) in "ihrer Lesekompetenz immer noch mehr als zwei Schuljahre hinter ihren Klassenkameraden aus privilegierten Milieus zurück."

Die Gründe sind vielfältig: Kinder aus bildungsferneren Elternhäusern erhalten weniger Unterstützung beim Lernen als Kinder, deren Eltern Nachhilfe selber leisten oder finanzieren können; es fehlen die ökonomischen oder zeitlichen Ressourcen, um Schwächen ausgleichen zu können. Hinzu kommen die Einstellungen von Lehrerinnen und Lehrern, die Kindern mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund weniger zutrauen - und sie weniger animieren. Eine Teilstudie des Sachverständigenrats der deutschen Stiftungen für Integration und Migration belegt diese Spirale aus fehlendem Zutrauen des Lehrpersonals und geringerem Lernerfolg der unterschätzten Kinder.

Vielleicht müssen die nüchternen Daten übersetzt werden in Begriffe und Bilder, die spürbar machen, wie trostlos und inakzeptabel diese Wirklichkeit ist: Eltern aus "benachteiligten Milieus", also Eltern, die arm sind oder kein stabiles Einkommen haben, Eltern, die ihr Leben lang gearbeitet haben, auf der Straße oder in der Fabrik, Eltern, die geflohen oder zugewandert sind, Menschen also, deren ganzer Lebensmut darauf baut, dass sie ihren Kindern zusehen können, wie sie etwas anderes lernen, entdecken, ausprobieren können als sie selbst, wie sie wachsen in neue Aufgaben und Positionen hinein - diese Eltern können immer häufiger gewiss sein, dass genau dies nie geschehen wird. Wo aber Armut sich vererbt wie Privilegien, ist das Leben der einen so wenig Ausdruck eigener Leistungen oder Verdienste wie das der anderen.

In der politischen Öffentlichkeit wird mit dem Begriff der "Sorge" gern ein ganzes Ensemble an Affekten tituliert. Als Sorge werden nicht nur nachvollziehbare Zweifel oder Ängste bezeichnet, sie taugt allzu oft auch als rhetorisches Schutzschild für pure Menschenverachtung. Wer sich nicht zu widersprechen traut, weil das Wählerstimmen oder Zuschauerquoten kosten könnte, der will Sorgen, ganz gleich welcher Couleur, "ernst genommen" sehen. Sie abzuwehren, heißt es dann, sei elitäres Gehabe. Die politisch-mediale Aufwertung von fremdenfeindlichen Ressentiments korrespondiert eigentümlich mit der gleichzeitigen Abwertung von sozialen Sorgen, die in fehlenden Bildungs- und Aufstiegschancen gründen. Während einerseits im populistischen Diskurs religiöse oder kulturelle Unterschiede überbetont und die Menschen hierarchisiert werden, retuschiert man andererseits reale soziale Unterschiede und leugnet sie. So verhindert gerade die Rede von den Sorgen, die man ernst nehmen solle, die notwendige Reaktion auf Sorgen, die man wirklich ernst nehmen sollte.

Bildung ist kein randständiges Thema, kein Luxusproblem, das sich adressieren lässt, wenn alle anderen politischen Fragen geklärt sind. An der sozialen Durchlässigkeit einer demokratischen Gesellschaft hängt ihre ökonomische wie politische Existenz. Es wird Zeit für ein ernsthaftes Engagement in der Bildungspolitik: Notwendig sind Investitionen, damit Schulen wieder zu Orten der Hoffnung werden, in denen Kinder individueller und furchtloser lernen und wachsen können. Die Schulen der Zukunft sollten wieder Labore einer experimentierfreudigen, offenen Gesellschaft sein, nicht Instrumente einer sich fortschreibenden Ungleichheit.