Kolumne Anstand

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Mit ihrer Hysterie schaden viele Wehrhafte in diesen Tagen der Demokratie. Es nützt nichts, die Provokateure von der AfD bei ihrer Inszenierung als Opfer zu unterstützen.

Von Jagoda Marinic

Es wird wieder viel nach der Herkunft eines Menschen gefragt. Einige tun so, als sei das etwas Unerhörtes, etwas, das bisher nicht so war. Ich wüsste jedoch nicht, wann es je anders gewesen wäre. Unvergesslich wird mir die Reaktion des 2013 verstorbenen Literaturpapstes Marcel Reich-Ranicki bleiben: "Herr Reich-Ranicki, was sind Sie denn nun eigentlich, ein Deutscher oder ein Pole? Hat Sie diese Frage ein Leben lang begleitet?", fragte ihn ein Moderator . "Ja", antwortete Reich-Ranicki, "aber die Frage hat andere Leute offenbar noch mehr interessiert als mich selber. Ich habe mich längst damit abgefunden, dass ich meine Zugehörigkeit nicht so klar definieren kann. Auf jeden Fall bin ich ein Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Ein Deutscher bin ich nicht."

Der Hass greift schnell um sich, auch in Deutschland

Wer in Deutschland so auf die Herkunftsfrage antwortet, entmachtet jene, die ihm doch so gern im nächsten Moment sein "Deutschtum" absprechen oder genehmigen würden. Er stellt die Frage in den Raum, ob je irgendeine Erinnerungskultur dieser Welt es vermögen wird, den Deutschen ihre Auffassung von Zugehörigkeit so zu erweitern, dass Eingebürgerte als ebenbürtig gesehen werden. Deutsche Bürgerrechte sind verbindend, Leitkultur ist trennend. Als Rechtsstaat ist Deutschland stark, auf der Ebene der Diskurse ist es verhärtet - was nicht zu verwechseln ist mit "stark". Der Literaturkritiker entzog sich den kulturellen Beschreibungen des Deutschseins, den nationalen Zuschreibungen und wurde deutscher Demokrat. So viel Vertrauen konnte er in dieses Nachkriegsdeutschland fassen, obwohl ihn die Nazis seiner Familie beraubt hatten. In einem Gespräch mit Michel Friedman sagte er einmal mit großer Entschiedenheit: Es sei heute nicht wie damals. Es würden keine Menschen deportiert.

Wie also bleibt man wehrhaft, ohne durch den eigenen Aufschrei seine Gegner zu überhöhen? Es geschieht nichts von Relevanz in diesem Land, wenn Alice Weidel den Saal verlässt. Das Relevante geschieht, wenn die Öffentlichkeit mit solchen Ereignissen umgeht wie ein Kind, das nachts hinter jedem Schattenspiel etwas Unbezwingbares vermutet. Es geht derzeit darum, wieder Vertrauen in die eigenen Werte zu fassen und nicht immerfort das Ende der Zivilisation an die Wand zu malen. Es ist diese Unsicherheit, versteckt hinter Hysterie, mit der die Wehrhaften ihrer Demokratie schaden. Das Ergebnis? Kurz vor dem Wahlsonntag steigen die Umfragewerte der AfD. Sie könnten drittstärkste Kraft werden. Wer solche Provokateure in ihrer Inszenierung als Opfer unterstützt, treibt letztlich ihr Spiel. Wer sie nach jeder Beleidigung zum Talk bittet, wer seine Schaulust an der kalkulierten Grenzüberschreitung befriedigt und so deren Anspruch stützt, dies sei der Beginn einer neuen Freiheit, der gibt ihrem Weltbild Raum. Nicht jeder hat die Autorität des ruppigen Charmes von Reich-Ranicki. Vielleicht bedeutet dagegenhalten nur, sich nicht über jede provokative Äußerung zu empören und sie dadurch zu multiplizieren. Dagegenhalten kann auch bedeuten, selbstbewusst von dem zu sprechen, was diese Gesellschaft nach vorne gebracht hat. Die Gleichheit vor dem Gesetz, zum Beispiel.

An 24. September können alle Bürger mit deutschem Pass ihr Kreuz setzen. Vor Gott und dem Tod sind wir alle gleich, heißt es. Vor der Wahlurne sind wir es auch. Wer einen deutschen Pass besitzt, der wird vor der Wahlurne nicht gefragt, woran er glaubt, der wird nicht gefragt, ob er koscher isst, er wird lediglich gefragt, wen er wählen möchte - und das geheim und frei. Bürger zu sein, ist nicht ohne Grund ein Status, den man Gastarbeitern lange verweigern wollte. Politik gegen jemanden zu machen, der einen später abwählen könnte, ist schwierig. Wenn heute noch die Kinder von diesen Gästen so sprechen, als wären sie Gäste, wundert man sich gerne. Dabei wird dieses Misstrauen vererbt. Das Misstrauen gegen jene, die einen nicht wollen, schafft eine Identität an sich. Reich-Ranicki meinte, Ignatz Bubis habe immer behauptet, er sei Deutscher. Er sei aber immer Jude geblieben und wenn einer zu Bubis sagte, man sähe sich bei seinem Botschafter, dann meinte dieser den Botschafter von Israel. Bubis sei dann immer beleidigt gewesen. Reich-Ranicki könne das nicht passieren. Diese vorbeugende Unzugehörigkeit bewahrt einen vor dem Ausschluss. Deutschland ist jedoch an einem Punkt, an dem viele Menschen dazugehören wollen. Soll man den Hass, der gesät wird, damit sie es nicht tun, hinnehmen? Dieser Hass greift schnell um sich und wird sich letzten Endes gegen all jene richten, die sich ihm entgegensetzen.

Diese Woche, auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin, erzählte die Schriftstellerin Arundhati Roy von den Zuständen in Indien, die im Westen in diesem Ausmaß sicher undenkbar seien: Trolle im Internet, Fake News und organisierter Hass. "Wenn man diese Dinge nicht zurückdrängt, verlieren wir alles." Arundhati Roy saß mit ihrer beharrlichen Anmut auf der Bühne und verteidigte ihr Anrecht auf Zartheit in Zeiten des Hasses. Unbeirrbar in ihrer verbalen Klarheit. Was Arundhati Roy wie einen Fremdkörper für die westliche Welt schilderte, ist der zerstörerische Zeitgeist, der sich auch in die hiesigen Demokratien drängt. Sie spricht mit ihrer zarten, starken Stimme, selbst über ihre Gegner spricht sie anständig, weil sie dadurch deren Unanständigkeit demaskiert. Und doch wirkte sie wie umzingelt von dem Hass, der ihre Heimat ergriffen hat.

Kurz bevor Pegida marschierte, waren viele in Deutschland sehr stolz darauf, gerade hierzulande keine rechte Kraft im Parlament sitzen zu haben. Es hieß, man habe bei der Aufarbeitung der Vergangenheit vieles richtig gemacht. Seither ist die Beleidigungsquote im Politikbetrieb gestiegen. Sollte die AfD ins Parlament einziehen, wird diese Tonart sich weiter verschärfen. Sie wird Alltag werden wollen. Es ist an jedem, die Normalisierung dieser Verrohung in der deutschen Öffentlichkeit aufzuhalten. Es bräuchte noch nicht einmal den berühmten Aufstand der Anständigen. Es bräuchte im Moment nur ein Kreuz.