Kolumbien und die Farc "Die Gefahr ist groß, dass am Schluss nur ein Papierfrieden steht"

Farc-Rebellen in einem Gefecht mit der kolumbianischen Armee 2012.

(Foto: REUTERS)

52 Jahre herrschte Krieg in Kolumbien - jetzt legen Regierung und Farc-Rebellen den Konflikt bei. Doch die Hälfte der Bevölkerung lehnt das ab. Lateinamerika-Experte Günther Maihold erklärt, warum.

Interview von Benedikt Peters

Mehr als ein halbes Jahrhundert herrschte in Kolumbien ein Bürgerkrieg. Etwa 200 000 Menschen sollen dabei getötet worden sein. Vor einigen Wochen kam zustande, was lange nicht für möglich gehalten wurde: ein Friedensvertrag zwischen der Regierung und den marxistisch-leninistischen Farc-Rebellen. Eigentlich könnten die Bürger Kolumbiens also zuversichtlich sein. Doch nach wie vor herrschen Unsicherheit und Angst im Land. Günther Maihold, stellvertretender Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, befasst sich seit Jahren mit Kolumbien. Er erläutert, warum sich das Land mit dem Frieden so schwer tut.

SZ: Lässt sich ein jahrzehntelanger Krieg durch eine Unterschrift beenden?

Maihold: Das wird zumindest schwierig. Die Gefahr ist groß, dass nach den nun vierjährigen Verhandlungen am Schluss nur ein Papierfrieden steht.

Wie meinen Sie das?

Die kolumbianische Gesellschaft war bisher in den Friedensprozess nicht einbezogen. Nicht umsonst haben die Delegationen der Regierung und der Farc-Rebellen nicht in Kolumbien verhandelt, sondern in der kubanischen Hauptstadt Havanna. Die Bevölkerung kommt erst jetzt, nach Abschluss der Verhandlungen, ins Spiel. Mit der Volksabstimmung, die für den 2. Oktober angekündigt ist, soll der Friedensvertrag legitimiert werden. Allerdings ist es unsicher, ob das funktionieren wird.

Einer Umfrage zufolge ist die Hälfte der Kolumbianer gegen den Friedensprozess, in einer anderen heißt es, drei Viertel seien mit der Verhandlungsführung der Regierung unzufrieden.

Das hat mehrere Ursachen. Für manche Kolumbianer sind die Farc-Rebellen keine politischen Kämpfer, sondern Terroristen und Drogendealer. Sie wollen nicht akzeptieren, dass diese, wie im Abkommen vorgesehen, als Abgeordnete im Parlament sitzen. Verschärft wird die Ablehnung dadurch, dass aus der Debatte um das Friedensabkommen inzwischen ein Kampf zwischen zwei Persönlichkeiten geworden ist: der amtierende Präsident Juan Manuel Santos gegen Ex-Präsident Álvaro Uribe.

Wofür stehen die beiden Männer?

Santos will das Abkommen zu seinem Vermächtnis machen. Uribe arbeitet gegen den Friedensschluss - und ist in Teilen der Bevölkerung beliebt. Es gilt als Verdienst seiner Politik, dass die Gewalt in kolumbianischen Großstädten in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen ist. Manche Kolumbianer befürchten, dass die Gewalt durch das Friedensabkommen wieder ansteigen könnte.

Woher kommt diese Befürchtung?

Man weiß nicht genau, wie viele aktive Kämpfer die Farc noch in ihren Reihen hat, nach Schätzungen sind es zwischen 6000 und 12 000. Einige Kolumbianer hegen die Sorge, dass viele Kämpfer ihre Waffen nicht wie vorgesehen abgeben werden, sondern stattdessen marodierend durchs Land ziehen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie das?

Das ist sicherlich etwas übertrieben. Es wird aber eine große Herausforderung, die Farc-Mitglieder in die Gesellschaft zu reintegrieren. Die einfachen Kämpfer besitzen oft nicht einmal eine minimale Schulbildung. Vorgesehen sind Alphabetisierungs- und Ausbildungsprogramme, es soll auch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen geben, die - so die Hoffnung - mit internationalem Geld finanziert werden. Aber das sind sehr langwierige Prozesse. Die Gefahr ist, dass zumindest einige Mitglieder der Farc stattdessen Drogengeschäften nachgehen. Nicht vergessen darf man außerdem, dass es mit dem Ejército de Libéración Nacional (ELN, "Befreiungsarmee", Anm. d. Red.) eine weitere Rebellengruppe in Kolumbien gibt, die noch unter Waffen steht. Es ist möglich, dass sich einige Farc-Mitglieder nun dieser Gruppe anschließen. Der ELN hätte ein Interesse daran, allein schon, weil ihn das in den parallel laufenden eigenen Friedensverhandlungen mit der Regierung stärken würde.

Heißt das, es gibt kaum Chancen, dass der Friedensprozess erfolgreich verlaufen wird?

Das würde ich ganz so entschieden nicht sagen. In den Verhandlungen sind einige gute Ergebnisse erzielt worden. So werden die Ursachen bekämpft, die für die Entstehung der Farc und anderer Rebellengruppen überhaupt verantwortlich waren.

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Welche Ursachen sind das?

Das eine ist die starke Konzentration des Bodenbesitzes. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben viele Bauern ihr Land an Großgrundbesitzer verloren. zum anderen haben die Bauern in linken Gruppen ihre Fürsprecher gefunden, diese Gruppen aber wurden vom politischen Prozess ausgeschlossen. Das führte zu Gewalt. Das Friedensabkommen trägt diesen Ursachen Rechnung: Die Farc-Rebellen sollen in den politischen Prozess integriert werden, indem sie nach der kommenden Wahl unabhängig von ihrem Ergebnis zehn Abgeordnete ins Parlament schicken dürfen. Sie dürfen zwar nicht abstimmen, haben aber ein Rederecht. Zudem soll es einen Fonds geben, über den illegal angeeignetes Land gerecht verteilt werden soll. Das soll Binnenvertriebenen und ehemaligen Kämpfern die Möglichkeit eröffnen, wieder landwirtschaftlichen Tätigkeiten nachzugehen. Aber das dürfte nicht einfach werden: Allein die juristische Auseinandersetzung darum, wem welches Land wann rechtmäßig gehört hat, könnte Jahrzehnte dauern.