Katholische Kirche in Lateinamerika Reich des Schweigens

Gemäß der Recherchen vor allem des National Catholic Reporter wurde der eifrige Financier Maciel von Papst Johannes Paul II. gestützt. Zu den weiteren Gefolgsleuten im Vatikan gehörten offenbar dessen damaliger Sekretär Stanislaw Dziwizs und der Kardinal Angelo Sodano. Trotz wiederholter Klagen eines Aussteigers der Legionäre geschah lange Zeit nichts. 2004 vertraute Papst Johannes Paul II. dem generösen Maciel sogar in einer Zeremonie die Leitung des Jerusalemer Notre Dame Centre an, eines päpstlichen Instituts.

Unklar ist nun die Rolle von Joseph Ratzinger, seinerzeit Kardinal und Chef der Glaubenskongregation. Das Magazin Stern behauptet, der heutige Papst Benedikt XVI. habe auch in diesem Fall stillgehalten. Ein Verfahren gegen Maciel sei unter Ratzinger eingestellt worden. Andere sagen, Maciel sei auf Betreiben des neuen Papstes 2006 in Ungnade gefallen und zu "einem Leben in Buße und Beten" ins Exil geschickt worden. Vatikansprecher Federico Lombardi erklärt, Ratzinger habe die Untersuchungen gegen Maciel vorangetrieben. "Es ist paradox und für informierte Personen lächerlich, Kardinal Ratzinger irgendein Decken oder Vertuschen zu unterstellen."

Sicher ist, dass die Causa Maciel den päpstlichen Missionen jenseits des Atlantiks noch mehr schadet. Zwar leben nirgendwo so viele Katholiken wie südlich des Rio Grande; Brasilien, Mexiko und auch Kolumbien sind nach wie vor katholische Hochburgen.

Auch die Pfingstler kassieren ab

Die Basis indes bröckelt gewaltig. Tausende wandern zu den diversen Pfingstkirchen und evangelischen Sekten über, deren Prediger bieten zum Teil abstruse Shows, dazu aber das Gefühl von Gemeinschaft. Sie sind in jedem zweiten Dorf vertreten und kassieren ansonsten fast so fleißig ab wie die Legionäre Christi. Die brasilianische Igreja Universal do Reino do Déus, die sogenannte Universalkirche des Reiches Gottes, ist ein wohlhabender Konzern inklusive Fernsehsender geworden. Papst Johannes Paul II. versuchte, dem eine eigene Show entgegenzusetzen, und Entertainer wie den in Brasilien berühmten Padre Rossi aus Sao Paulo für die katholische Sache singen zu lassen.

Der leutselige Pole war beliebt in Lateinamerika, selbst Kubas Comandante Fidel Castro empfing den Antikommunisten Johannes Paul II. Mit dem spröden Deutschen Benedikt XVI. tun sich Katholiken im Süden schwer. Allmählich brechen Dämme der Angst. In Mexiko-Stadt wurde trotz Widerstandes der Kirche die Schwulen-Ehe durchgesetzt.

Vereinzelt melden sich im Reich des Schweigens frühere Opfer von kirchlichen Kinderschändern. Der Vatikan eröffnete in neun Jahren hundert Prozesse gegen Priester in Mexiko, berichtet die Zeitung El Universal. Ein erstes Mea Culpa ist zu hören. Die Legionäre Christi baten um Entschuldigung und stellten etwas verspätet fest, Maciel sei "kein Vorbild christlichen und priesterlichen Lebens". Betroffene verlangen Entschädigung - Geld haben die Milliardäre Maciels ja genug.