Katholische Kirche Die Missbrauchs-Prozession

Erst sorgt die Kirche für mehr Transparenz, dann macht ein Kurienkardinal Homosexualität für Pädophilie verantwortlich. Der Vatikan springt im Missbrauchsskandal vor, zurück und seitwärts.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Das Verhalten des Vatikans im Missbrauchsskandal erinnert an die Echternacher Springprozession. Dort sprangen einst die Gläubigen drei Schritte vor und zwei zurück und kamen dann irgendwann doch beim Grab des Heiligen Willibrod an, der zur Hilfe bei Krämpfen und Nervenkrankheiten angerufen wird. Im Missbrauchsskandal ist es so, dass die römische Kurie nicht nur vor und zurück, sondern auch noch seitlich springt: Einem Bekenntnis folgen zwei Beschwichtigungen und drei Ausreden.

Soeben wieder: An einem Tag veröffentlicht der Vatikan seine internen Regeln, welche die kirchlichen Verantwortlichen verpflichten, bei sexuellem Missbrauch sofort den Staatsanwalt einzuschalten. Das war ein Schritt der Wahrheit.

Am nächsten Tag aber folgt der Schritt der Unwahrheit: Kurienkardinal Bertone schiebt die Schuld am sexuellen Missbrauch durch Priester auf die Homosexualität, also auf die Beziehungsform, welche die katholische Kirche seit jeher verdammt.

Neue Schuld durch Abwiegeln

Diese verweigert sich der Erkenntnis, die der heilige Irenäus von Lyon schon im vierten Jahrhundert hatte: Nihil salvatur, nisi acceptatur. Nichts kann geheilt werden, was nicht zuvor akzeptiert worden ist. Die Kirche will ihre Verantwortlichkeit für den sexuellen Missbrauch durch Priester nicht ohne Wenn und Aber akzeptieren.

Sie lädt neue Schuld auf sich, wenn sie abwiegelt. Und sie lädt Schuld auf sich, wenn sie überführte Sexualstraftäter in einem kirchlichen Dienstverhältnis belässt und es dann zu einer erneuten Tat kommt. Die Kirche hat eine Garantenpflicht. Sie verletzt diese Pflicht in strafbarer Weise, wenn Sexualstraftäter von ihr die Macht zurückbekommen, die sie missbraucht haben.