Kampf um Kobanê USA sind unzufrieden mit Untätigkeit der Türkei

Bislang noch untätig: türkische Panzer an der syrischen Grenze unweit von Kobanê

(Foto: AFP)
  • In den USA wächst die Sorge über die Untätigkeit der türkischen Regierung im Kampf gegen die Dschihadisten des "Islamischen Staats". Das berichtet die New York Times.
  • Mindestens zwölf Menschen sind bei Protesten der Kurden in der Türkei ums Leben gekommen. In mehreren Städten kam es zu Ausschreitungen.
  • Die Kurden werfen der Regierung in Ankara vor, tatenlos den Vormarsch zu dulden.
  • Die UN warnen vor dem Fall der syrisch-türkischen Grenzstadt Kobanê und fordern die internationale Gemeinschaft zur Hilfe auf.
  • Den Kurden gelingt es Kobanê, den Vormarsch der IS-Milizionäre zu bremsen.

USA äußern sich unzufrieden über türkische Zurückhaltung

In den USA ist man offenbar unzufrieden mit der Untätigkeit der Türkei im Kampf gegen den IS. Die New York Times zitiert mehrere Behördenvertreter, die sich besorgt äußern. "Es wächst die Befürchtung, dass die Türkei die Füße stillhält, statt ein Massaker zu verhindern, das weniger als eine Meile von der Grenze entfernt stattfindet", sagt ein hochrangiger US-Behördenmitarbeiter dem Bericht zufolge über die Situation in der Grenzstadt Kobanê. Nach dem "Gepolter" über die humanitäre Katastrophe in Syrien, erfände die türkische Regierung nun Gründe, um nicht in den Konflikt mit dem IS einzugreifen.

Nach Informationen der Zeitung hat US-Außenminister John Kerry in den vergangenen drei Tagen mehrfach mit dem türkischen Premierminister Ahmet Davutoğlu und dem türkischen Außenminister Mevlut Çavuşoğlu telefoniert, um zu einer Lösung der Unstimmigkeiten zu kommen. Nach Einschätzung der Zeitung könnte die Türkei ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen den IS sein, den es zu gewinnen gilt. Zieht das Land nicht in der internationalen Koalition gegen die Dschihadisten mit, könnten auch andere Staaten ihre Beteiligung in Frage stellen oder an Bedingungen knüpfen.

Tote bei Kurdenprotesten in der Türkei

Bei den Protesten der Kurden in der Türkei sind mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen. Viele weitere wurden laut Medienberichten verletzt, als es am Dienstag in zahlreichen mehrheitlich von Kurden bewohnten Städten im Südosten zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei, aber auch mit Islamisten kam.

Die Demonstranten werfen der Regierung in Ankara vor, dem drohenden Fall der syrischen Kurdenstadt Kobanê an die Extremistengruppe "Islamischer Staat" (IS) tatenlos zuzusehen. Das Parlament hat zwar den Einsatz der Armee in Syrien und dem Irak autorisiert, doch hat die Regierung von Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu bisher keine militärische Intervention gestartet. Die Kurdenpartei HDP hatte deshalb zu den landesweiten Protesten am Dienstag aufgerufen. Tausende Menschen folgten dem Appell.

In der südöstlichen Großstadt Diyarbakir wurden nach Berichten vom Abend fünf Menschen getötet, als es zu Schusswechseln zwischen prokurdischen Aktivisten und Islamisten kam. Mindestens zehn weitere wurden verletzt. Mindestens drei Tote wurden aus Mardin gemeldet, zwei in Siirt sowie jeweils einer aus den Städten Batman und Mus. In den kurdischen Provinzen Diyarbakır, Mardin, Siirt und Van wurde eine Ausgangssperre verhängt.

Die Polizei setzte in Istanbul und Ankara Tränengas und Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein. Proteste gab es auch in der Küstenstadt Antalya sowie in Mersin und Adana im Süden. Innenminister Efkan Ala forderte die Demonstranten am Abend zum Rückzug auf, sonst drohten "unvorhersehbare Folgen".

Der inhaftierte Anführer der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah Öcalan, schrieb derweil in einer Botschaft, die Regierung habe bis Mitte Oktober Zeit, um ihre Ernsthaftigkeit bei den Friedensverhandlungen mit der PKK zu zeigen. Die schon länger stockenden Gespräche stehen angesichts des Konflikts um Kobanê vor dem Scheitern.

UN warnen vor Fall Kobanês

Der UN-Syrienvermittler Staffan de Mistura hat die Weltgemeinschaft zur Hilfe bei der Verteidigung Kobanês gegen die IS-Terrormiliz aufgerufen. "Wir alle werden es zutiefst bereuen, wenn der IS in der Lage ist, eine Stadt zu übernehmen, die sich selbst mit so viel Tapferkeit verteidigt hat, das aber bald nicht mehr kann. Wir müssen jetzt handeln", sagte de Mistura einer Mitteilung der Vereinten Nationen in Genf zufolge. Die Terroristen seien weitaus besser ausgerüstet als die kurdischen Kämpfer. Zuvor hatte schon UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mehr Hilfe zum Schutz der Zivilbevölkerung erbeten.

Vormarsch des IS in Kobanê gebremst

Kurdische Kämpfer haben nach Angaben von lokalen Medien und Aktivisten den Vormarsch des IS in Kobanê gebremst. Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte gelang es den Milizionären, dschihadistische Kämpfer aus Straßenzügen im Osten der Stadt zu vertreiben. Die kurdische Nachrichtenseite Welati vermeldet, dass internationale Luftschläge sowie die kurdische Gegenwehr die sunnitischen IS-Extremisten zum Rückzug an den östlichen Stadtrand gezwungen hätten. Ein Sprecher der kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) sprach von einer "Gegenoffensive" der Kurden.

Wie sollte sich die Türkei im Konflikt mit der IS verhalten?

Die Kurden-Stadt Kobanê ist zentraler Punkt im Kampf mit der Terrororganisation IS. Die USA fliegen Luftangriffe auf Stellungen der Islamisten. Die türkische Armee steht an der syrischen Grenze bereit. Doch Staatspräsident Erdoğan stellt Bedingungen für eine mögliche militärische Unterstützung. Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Luftangriffe gab es den kurdischen Medien zufolge auch auf Stützpunkte der Terrormiliz auf dem strategisch wichtigen Hügel von Mischtanur. Dabei seien Waffendepots zerstört worden. Im Südwesten der Stadt Kobanê hätten Dschihadisten hingegen einige Gebäude übernommen.

Nach wochenlangen Kämpfen waren IS-Dschihadisten am Montag in die für die Kurden strategisch und symbolisch wichtige Grenzstadt Kobane eingedrungen. Rund 185 000 Menschen sind seit Beginn der Gefechte aus der Region in die nahe gelegene Türkei geflohen.

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