Kampf gegen rechten Terror "Mörder zündeln nicht, die fackeln ab"

Mit einem Großaufgebot von bald 500 Kriminalbeamten sollen die Morde, Anschläge und Überfälle der Zwickauer Terrorzelle und deren Helfer aufgeklärt werden. Tatsächlich gibt es bei weiteren ungesühnten Verbrechen noch große Rätsel.

Von Hans Leyendecker

Die Ermittlungen gegen die Mörder, Mitglieder, Unterstützer und Helfershelfer der Terrorbande "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) werden immer mehr ausgeweitet. Derzeit sind 421 Kriminalbeamte im Einsatz; bis Weihnachten sollen es fast 500 Polizisten sein. Ein Dutzend Beamte der Karlsruher Generalbundesanwaltschaft haben die Federführung übernommen. "Bis zu den Wurzeln", hat der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, versprochen, werde alles aufgeklärt werden.

Für die Rekonstruktion der Verbrechen der Zwickauer Terrorzelle, die in den vergangenen 13 Jahren zehn Menschen tötete, mindestens zwei Sprengstoffanschläge und mindestens 14 Banküberfälle begangen haben soll, ist eine gewaltige Organisation aufgebaut worden:

Der "Führungsstab", die "Lagezentren", die "Stabsbereiche", die Einsatzabschnitte "Gefährdungsbewertung", "Operative Maßnahmen" sowie die Unterabteilungen "Zentrale Ermittlungen", "Zentrale Fahndung", "Zentrale Hinweisbearbeitung" und "Zentrale Auswertung" wurden im rheinischen Meckenheim untergebracht, wo seit 1981 die BKA-Abteilung Polizeilicher Staatsschutz residiert. Die "Tatortarbeit" wird in Wiesbaden erledigt; dort hat das BKA seine Zentrale. In Berlin gibt es eine "Beratergruppe" und in Sachsen, Thüringen, Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen wurden regionale Ermittlungseinheiten aufgebaut.

Auch am Wochenende liefen die Ermittlungen der "Besonderen Aufbauorganisation Trio" auf Hochdruck. Die Ermittlungseinheit heißt so, weil die beiden Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, die im November starben, und die in Köln einsitzende Beate Zschäpe der Kern der NSU gewesen sein sollen - also ein Trio. Die 36-Jährige ist in Köln-Ossendorf in Untersuchungshaft, weil es von dort nur ein paar Kilometer nach Meckenheim sind. Dies wäre praktisch, wenn sie eines Tages aussagen sollte. Auch haben die Kölner einschlägige Erfahrung mit Terroristen. Einige der Chefterroristen der RAF wie Ulrike Meinhof saßen in den siebziger Jahren in Köln in Untersuchungshaft: "Es ist alles neu hier, alles anders", schrieb Meinhof, die dort in Hungerstreik getreten war, aus dem Kölner Klingelpütz.

Zu der Aufarbeitung des großen Rätsels um die Zwickauer Terrorzelle wird Zschäpe in nächster Zeit nichts beitragen. Sie will nicht aussagen, vielleicht schweigt sie bis zur Hauptverhandlung. Dabei gibt es viele ungelöste Fragen - und täglich werden es mehr. Auch Fragen, für die es Antworten zu geben schien, werden von den Ermittlern noch einmal neu gestellt. So ist die Ermordung von neun Migranten türkischer und griechischer Herkunft zwischen 2000 und 2006 als Ceska-Mordserie in die Kriminalgeschichte eingegangen. Die Täter hatten immer eine tschechische Ceska, Modell 83, Kaliber 7,65 Millimeter verwendet. Die Waffe war ihre Signatur. Ein bisschen ging dabei unter, dass bei dem ersten der neun Morde, der Hinrichtung des türkischen Blumenhändlers Enver S. am 9. September 2000 in Nürnberg, und beim dritten Mord, der Liquidierung des Gemüsehändlers Süleyman T. am 27. Juni 2001 in Hamburg-Bahrenfeld, eine zweite Waffe eingesetzt worden ist. Es war eine sehr kleine Waffe, Kaliber 6,35 Millimeter.

Auch dieses Schießgerät ist in den Schuttbergen von Zwickau entdeckt worden. Es handelt sich um eine italienische Bruni, Modell 315 Auto. Warum wurde diese Waffe später nicht mehr eingesetzt? Eine schlüssige Antwort haben die Ermittler noch nicht gefunden. Die in der "BAO Trio" diskutierte These, vielleicht sei am Anfang Zschäpe dabei gewesen, gilt - derzeit zumindest - als ziemlich unwahrscheinlich. Die Ermittler gehen weiter davon aus, dass die 36-Jährige nicht mitgeschossen hat.