Joachim Gauck: Kandidat der Opposition Versöhner der Nation

Auch SPD und Grüne haben sich auf einen Kandidaten für die Köhler-Nachfolge geeinigt: Mit Joachim Gauck nominieren sie einen Mann, in dessen Lebensweg sich die deutsche Nachkriegsgeschichte spiegelt.

Von Constanze von Bullion

Er gehört zu den Menschen, die ohne Zweifel das Zeug zum Bundespräsidenten hätten - mindestens, was das Charisma betrifft. Er gehört auch zu denen, die seit Jahren immer wieder genannt werden, wenn das höchste Amt im Staat neu zu besetzen ist. Nur ankommen wird Joachim Gauck wohl nie in diesem Amt. Den Theologen scheint das wenig zu bekümmern, er hat schließlich noch selten auf der Seite der Mächtigen gestanden. Gauck gehörte zu den Oppositionellen der DDR, er hat 1990 gegen erhebliche Widerstände die Stasi-Aktenbehörde begründet, jetzt schicken SPD und Grüne ihn als Nachfolger von Horst Köhler ins Rennen. Gauck hat kaum eine Chance, aber es ist zu erwarten, dass er bei seiner 30-Tage-Bewerbung eine ziemlich gute Figur abgibt.

Mit 70 Jahren zählt Joachim Gauck zwar nicht eben zu den Nachwuchskräften der Republik. Aber wer ihn je hat reden hören, der weiß, dass dieser Kapitänssohn aus Rostock einer ist, der Menschen aller Generationen gewinnen kann. Reden ist seine große Gabe, er hört sich auch gern dabei zu, und er streitet leidenschaftlich gern. Gesellschaftliche Verantwortung, Mut, persönliche Verstrickung - das sind die Lebensthemen dieses Mannes, der sich nach der Wende durchaus auch Feinde gemacht hat, weil er so unnachgiebig darauf drängte, die DDR und die gesellschaftliche Verwüstung, die sie hinterließ, ins Auge zu fassen, zu benennen und zu überwinden.

Dem Vater fremd geworden

Gauck hat mal von sich gesagt, er habe schon früh gewusst, dass der Sozialismus ein Unrechtssystem war. In seinen kürzlich erschienenen Lebenserinnerungen erzählt er davon, wie es war, als 1951 sein Vater, ein Hafenarbeiter, von zwei Männern in Mänteln abgeholt wurde. Die Familie wusste lange nicht, wohin er verschleppt wurde, und als er vier Jahre später aus Sibirien zurückkam, war dem Sohn dieser Vater fremd geworden.

Eine Geschichte ist das, aus der man schließen könnte, dass Joachim Gauck nach der Wende einen persönlichen Rachefeldzug gegen seine Peiniger angetreten habe. Er selbst hat das stets zurückgewiesen, sich nicht als Eiferer gesehen, sondern als einen, der den Leuten Medizin verschreibt, die scheußlich schmeckt, aber zur Heilung führt. Die Stasi-Akten, diese trostlose Dokumentation menschlicher Niedertracht, nannte Gauck eine "Apotheke gegen die Nostalgie". 1990wurde der Überzeugungstäter ohne Parteibuch, der für die Grünen im Bundestag saß, vom Parlament zum Stasi-Beauftragten gewählt, einstimmig. Gauck hat in diesem Amt neben viel Lob auch herbe Niederlagen kassiert. Gregor Gysi und Manfred Stolpe, das sind nur zwei von den vielen, denen seine Behörde nachweisen wollte, dass sie als IM für die Stasi gearbeitet hätten. Es ließ sich nicht belegen.

Als Gauck nach seiner zweiten Amtszeit im Jahr 2000 abtrat, nahmen viele an, er werde nur kurz von der Bildfläche verschwinden. Er versuchte sich an einer Talkshow, der bald die Zuschauer abhanden kamen. "Ich bin eine Ich-AG", verkündete er dann, wurde Publizist und leitete den Verein "Gegen das Vergessen". Nun haben Grüne und SPD sich also seiner erinnert und ihn als eine Art Versöhner der Nation zum Präsidentschaftskandidaten ausgerufen. Und weil auch die Linkspartei nicht vergessen hat, ließ sie wissen, dass Joachim Gauck für die Partei "nicht in Frage" kommt.