50 Jahre Élysée-Vertrag Träume von Neo-Bismarck

Richtungsweisend: Frankreich wirft Deutschland vor, nicht nur Regeln für sich selbst, sondern für alle zu bestimmen. (Angela Merkel und Francois Hollande am Dienstag in der französischen Botschaft in Berlin)

(Foto: REUTERS)

In Paris herrscht Irritation: Immer geht es nach Deutschlands Willen, das Land geriere sich als Hegemon, ist der große Vorwurf Frankreichs. Dabei träumt die Mannschaft von Präsident Hollande selbst davon, eine neobismarcksche Politik zu betreiben.

Von Frédéric Lemaître und Arnaud Leparmentier (Le Monde)

Im Privaten spart der Élysée-Palast nicht mit Vorwürfen über das Verhältnis Deutschlands zu seinen Nachbarn. Monatelang hat sich Angela Merkel als gute Europäerin gegeben und vorgeschlagen, weiter in Richtung einer politischen Union zu gehen. Am Ende ging das François Hollande auf die Nerven: "Ihr tappt alle jedes Mal in die Falle", sagte er auf der Rückfahrt von einem Gipfeltreffen in Brüssel im Dezember, als er wenig komfortabel in einem Thalys-Zug in der zweiten Klasse saß.

Wenn Deutschland die politische Union fordert, dann deshalb, weil diese in weiter Ferne liegt. Auf kurze Sicht hingegen hat Deutschland jede Menge Vorbehalte. Noch schlimmer: Deutschland geriere sich als Hegemon, so der Vorwurf eines Beraters von Hollande. Die Mannschaft des Präsidenten träumt davon, selbst eine neobismarcksche Politik zu betreiben, kann es aber nicht ertragen, wenn Deutschland so agiert.

50 Jahre Élysée: Le Monde und Süddeutsche Zeitung kooperieren

Am 22. Januar 1963 unterzeichneten Frankreichs Präsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer im Élysée-Palast einen Vertrag, der die deutsch-französische Freundschaft besiegelte. Zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung  veröffentlichen die Süddeutsche Zeitung und das französische Blatt Le Monde eine binationale Kooperationsausgabe, in der Autoren beider Medien Meinungsstücke, Analysen und Reportagen austauschen. Einen Überblick über alle Texte finden Sie auf unserer Themenseite.

Wie schon beim Amtsantritt von Nicolas Sarkozy gibt es in der Entourage des Präsidenten keinen Deutschlandfreund. Der Europaberater Philippe Léglise-Costa hat seine Karriere im Kabinett von Hubert Védrine begonnen, der die wachsende Macht Deutschlands schon immer misstrauisch beäugte. Wirtschaftsberater Emmanuel Macron ist ein ehemaliger Rothschild-Banker. Seine Welt ist die angelsächsische, nicht die germanische. Es herrscht also wenig Empathie für die deutschen Positionen.

Der große Vorwurf: dass Deutschland die Regeln bestimmen will

Beispiel Industriepolitik: Offiziell sagt Finanzminister Pierre Moscovici zwar nichts über die Strategie des im Sterben liegenden Autoherstellers Peugeot. Aber ihm und vielen anderen in Paris bereitet der Preiskampf in Europa Sorgen. "Volkswagen hat sich entschlossen, PSA (den Konzern mit den Marken Peugeot und Citroën) aus dem Weg zu räumen", klagt jemand, der François Hollande nahesteht.

Angriff ist die beste Verteidigung: Wenn es nach Pierre Moscovici ginge, würde Peugeot direkt mit General Motors verhandeln, um in Deutschland Fuß zu fassen und dessen Opel-Tochter zu kaufen. Dieser Minister kennt keine Hemmungen, er hat die Unstimmigkeit mit seinem Kollegen Wolfgang Schäuble über die Bankenunion in Europa in aller Öffentlichkeit zum Thema gemacht. Und das auch noch in Zypern, entgegen aller Usancen. Die Bankenunion sollte alle Geldhäuser umfassen, außer den deutschen Sparkassen und Regionalbanken - in Paris wittert man ein Zugeständnis an die Landespolitiker.