Einäugige Sicht der Dinge: Die deutschen Vertriebenen sind bis heute Fremdkörper im Kosmos der europäischen Nationen geblieben. Nun könnte die Enkelgeneration beitragen, europäische Geschichte gemeinsam zu bewerten.
Sie liegen quer zum Strom der Zeit. Die Menschen deutscher Herkunft, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Reaktion auf die Verbrechen der Nazi-Deutschen aus ihrer seit Generationen angestammten Heimat in den Ländern Mittel- und Osteuropas vertrieben wurden, sind bis heute Fremdkörper im Kosmos der europäischen Nationen geblieben.
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Ein Fahnenträger beim Pfingstreffen der Sudetendeutschen 2009 in Augsburg (© AP)
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Wo sie einst herkamen, hallt noch die Propaganda nach, die sie und ihre Verbände als gefährliche Revanchisten brandmarkte. Und in Deutschland stoßen sie seit langem auf Unverständnis mit ihrem fortdauernden Leiden und ihrer eigenen Sicht der Dinge. Bis heute tragen sie so letztlich die bitteren Konsequenzen dafür, dass die Deutschen 1933 einem Adolf Hitler und seiner braunen Bande die Macht überließen. Und bis heute erregen sie Unmut, weil sie sich nicht stumm mit diesem Schicksal abfinden wollen.
Das wird nicht anders sein an diesem Donnerstag, wenn in Stuttgart mit einem Festakt der 60. Jahrestag der Verkündung der "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" begangen wird. Man wird die Charta wieder loben als frühes, wegweisendes Dokument der Versöhnung und der europäischen Gesinnung, weil es darin heißt: "Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung."
Aber welche Anmaßung liegt in dieser Formulierung - als ob den Vertriebenen eigentlich ein Naturrecht auf Revanche zustünde, das sie ihrerseits den Vertreibern in Polen oder der Tschechoslowakei zu Recht absprechen. Zudem müssen es Juden, Polen oder Russen als Hohn empfinden, wenn die Heimatvertriebenen in dieser Charta als "die vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen" bezeichnet werden. Hingegen sucht man vergebens einen Satz, der die Verbrechen der Nazis verurteilt.
Unbelehrbare Störenfriede?
Diese einäugige Sicht der Dinge, die man bis heute auch in vielen anderen Äußerungen findet, ist einer der Gründe dafür, dass der Bund der Vertriebenen und seine Landsmannschaften in Deutschland so wenig Unterstützung in der Breite genießen.
Schon 1965 organisierte sich bei ihnen weniger als ein Prozent der Vertriebenen, den übrigen Deutschen kamen sie zur Zeit der Ostverträge als unbelehrbare Störenfriede vor. Während sich der Rest der Nation aufgewühlt mit den Verbrechen der Deutschen in der NS-Zeit beschäftigte, tönten Vertriebenen-Funktionäre immer nur von den Verbrechen der Vertreibung.
Bis heute gibt es in ihren Reihen viele, die den Zusammenhang zwischen Nazi-Terror und Zwangsaussiedlung bestreiten und bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen, um beispielsweise in Böhmen die Konflikte zwischen Tschechen und Sudetendeutschen als Vorstufe der Vertreibung zu interpretieren. Dies ist Unsinn. Wer heute den Ausgleich mit anderen sucht, muss beherzigen, dass seit Auschwitz für Deutsche beim Reden über Verbrechen in Europa eine gewisse Reihenfolge einzuhalten ist.
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In der Tat. Ich Stimme hier voll mit Ihnen ueberein! Ich haette klarer unterscheiden sollen zwischen revanchistischen Anspruechen (in der zweiten oder dritten Generationen ist Heimat da wo man ist) und dem Problem der Integration. Folge ich Ihrer Argumentation dann ist Unterstuetzung bei Integration von Auslaendern auch nicht noetig da sich das schon von alleine regelt. Dass dem nicht notwendigerweise so ist zeigt sich daran wie schwierig ein Eingliederungsprozess von Zuwanderern sein kann, aber wie Sie richtig feststellen nicht sein muss. Dass dieses Probleme oft uebergangen und verdraengt wurden mag auch daran liegen dass Vertriebene und Aussiedler ja Deutsch sprechen und auch kulturell den Deutschen recht nahe stehen aber halt doch eine etwas andere Identitaet und auch Geschichte haben. Ich denke es ist ein gesunder Prozess dass versucht wird das Thema Vertreibung nun aufzuarbeiten. Allerdings bin auch ich der Meinung dass die Vertriebenenverbaende hier bisher nicht konstruktiv sondern ganz im Gegensatz polarisiernd gewirkt haben.
Ich kann nicht in Abrede stellen, das es solche Fälle gibt. Aber es fällt mir echt schwer mir vorzustellen, wie jemand der noch nie dort gelebt hat solch starken heimatlichen Gefühle entwickeln kann. Oder das es Menschen geben soll die ein Problem mit ihrer Identität haben weil Opa oder Ur-Opa mal in Ostpreußen heimisch waren?
Mein Vater ist in West-Preußen geboren, aber er hat es nie als seine Heimat betrachtet weil er sich kaum noch daran erinnern konnte und viel zu sehr damit beschäftigt war sich in Deutschland ein Leben aufzubauen. Meine Mutter ist übrigens in 5. Generation Mauritianerin, komischerweise zieht mich dieses Fleckchen Erde nur zum Urlaub machen an und ich Gedenke deswegen keinen Heimatverein zu gründen! :-)
"Der Artikel zeigt die erfolgreiche Umerziehung "Reeducation" der Aliierten an weiten Teilen der deutschen Bevölkerung"
Tja ... wenn der erste Bildungsweg nur Tod und Verderben gebracht hat,
muss man eben nochmal mit der Erziehung anfangen. Dieser Re-Education verdanken wir unter anderem unser heutiges Leben in Frieden und Wohlstand,
sonst hätten wir womöglich noch ein paar Weltkriege mehr angefangen ...
dww
> Aber es zeigt sich, dass gerade jetzt die Enkel noch mehr als die Kinder sich für das
> Schicksal der Vorfahren interessieren.
Totgeschwiegen wegen des kalten Kriegs in der ersten Generation und verdraengt durch das Wirtschaftswunder in der zweiten Generation. Jetzt endlich ist Zeit zu reflektieren und aufzuarbeiten was verdraengt wurde - sowohl innerhalb der Familien als auch Gesellschaftlich. Verdraengen und Totschweigen hilft nicht, sondern verlagert das Problem gespaltener Identitaet nur weiter in die Zukunft.
Soso, wenn die 1. Generation ausgestorben ist, wird es also noch genügend Leute geben die sich für diese Sache einsetzen wollen? Das glaubt doch kein Mensch! Wie bitte soll man sich mit einer "Heimat" identifizieren die man - wenn überhaupt - mal gesehen, aber in der man mit Sicherheit noch nie gelebt hat!
Ich bin guter Dinge das sich dieser Verein bald von selbst auflösen wird, und ihre Vortänzerin am Besten gleich mit. Allerdings ist es schon erstaunlich wie ein Verein, der in der restlichen Bevölkerung kaum Interesse findet, sich so erfolgreich in der Politik verankern konnte. Dabei werden sie für nichts sinnstiftendes gebraucht! Ihre Heimat ist auf ewig verloren, sie leisten einen eher zweifelhaften Beitrag zur Versöhnung mit unseren Nachbarn (die ohnehin schon weit fortgeschritten und zumindest für die Generation "nach dem eisernen Vorhang" gar kein Thema ist), sie bringen immer wieder Unruhe in schon längst erledigte Themen......
Paging