Bürgerwehren durchstreifen Städte, illegale Einwanderer werden festgenommen: Wie die fremdenfeindliche Lega Nord Berlusconis Politik ihren Stempel aufdrückt - und das Land spaltet.
Seit dem Wochenende streifen Freiwilligen-Grüppchen in Italien ganz legal durch die Stadtviertel auf der Suche nach dem Bösen. Ronde nennen die Italiener die nun legalisierten Bürgerwehren, die den Einwohnern ein Gefühl der Sicherheit vermitteln sollen. So will es zumindest die Regierung.
Silvio Berlusconi (Mitte) zwischen dem Chef der Lega Nord, Umberto Bossi (links) und dem Europaabgeordneten Guido Podesta bei der Abschlusskundgebung vor der Europawahl. (© Foto: AFP)
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Auf Innenminister Roberto Maroni und seine Partei, die Lega Nord, geht auch eine weitere Vorschrift zurück, die den Protest von Opposition und katholischer Kirche hervorgerufen hat. Seit vergangenem Samstag ist die illegale Einwanderung ein Straftatbestand. Diese Maßnahme soll die Abschiebung vereinfachen. Mehrere Einwanderer ohne Papiere wurden bereits festgenommen und des Landes verwiesen.
Hinter der rigiden Innenpolitik der italienischen Regierung steckt eine 1989 gegründete, teilweise fremdenfeindliche Bewegung, die als Partei inzwischen zum dritten Mal an der Regierung in Rom beteiligt ist. Diesmal führt die Lega Nord vier Ministerien. Aus den Parlamentswahlen vor einem Jahr war sie als drittstärkste Kraft hervorgegangen, seither drückt sie der Politik von Ministerpräsident Silvio Berlusconi deutlich ihren Stempel auf. Auch in diesem Sommer prägt die "Lega Nord für die Unabhängigkeit Padaniens", wie sie offiziell heißt, die Debatten in der italienischen Politik.
Aktuell ist ein Streit ausgebrochen über das Lohngefälle zwischen dem Süden und dem Norden - dem Teil Italiens, den die Lega als "Padanien" bezeichnet. Nach einer Studie der Banca d'Italia verdienen Angestellte, die in Süditalien im Industrie- und Dienstleistungssektor arbeiten, 16 Prozent weniger als Kollegen im Norden. Die Nationalbank stellte auch fest, dass die Lebenshaltungskosten im Mezzogiorno um 16,5 Prozent niedriger sind als im Norden.
Die Lega Nord forderte jetzt eine gesetzliche Festschreibung der Lohndifferenz zwischen Nord und Süd, so wie es bis 1969 in Italien der Fall war. Ministerpräsident Berlusconi beurteilte den Plan seines Koalitionspartners als gute Idee. Hingegen befürchten die Gewerkschaften einen "Rückfall in Zeiten der Sowjetunion". Als "sezessionistisch" oder als "Folklore" nehmen andere Politiker, auch aus dem Regierungslager, die Vorschläge wahr. "Alles, was in Italien gemacht wird, geschieht, weil es die Lega will", klagt der Vorsitzende der größten Oppositionspartei, den Demokraten, Dario Franceschini.
Immer schon pendeln die Forderungen von Lega-Nord-Politikern zwischen Rassismus, Provokation und Populismus: Der Europaabgeordnete Matteo Salvini forderte im Mai, die U-Bahn-Wagen in Mailand dürften nur von Mailändern benutzt werden. Vor kurzem schlug die Lega vor, Dialekt-Tests für Lehrer einzuführen, um das Norditalienische nicht von der Mundart süditalienischer Lehrkräfte verunreinigen zu lassen, die zwischen Mailand, Turin, Venedig und Verona arbeiten. Dort gibt es mehr Arbeit als in ihren wirtschaftlich abgeschlagenen Heimatregionen.
Einer der jüngsten Lega-Vorstöße sah die Aufwertung von regionalen Fahnen und Hymnen in der Verfassung vor. Die Wähler der separatistischen Gruppierung freuen sich besonders über konkrete Erfolge: Unter anderem wurde auf Druck der Partei von Umberto Bossi in dieser Legislaturperiode der Steuer-Föderalismus eingeführt. Die Steuerzahler im Norden sollen fortan mehr von ihren Abgaben profitieren und weniger südliche Regionen subventionieren.
Nicht nur für den Mezzogiorno, vor allem für Ministerpräsident Berlusconi bringt die von der Lega betriebene Nord-Süd-Spaltung Schwierigkeiten. Einerseits ist er auf die Lega als Koalitionspartner angewiesen, die sich nach der Europawahl im Juni und einem Gewinn von zehn Prozent der Stimmen noch selbstbewusster zeigt als bisher. Bereits in der ersten Amtszeit von Berlusconi verließ die Partei 1994 nach wenigen Monaten das Bündnis und brachte die Regierung zum Sturz.
Um andererseits den Süden zufriedenzustellen, aus dem Berlusconis Partei Volk der Freiheit seit jeher einen großen Teil ihrer Wählerstimmen bezieht, versprach der Premier kürzlich Subventionen in Höhe von vier Milliarden Euro. Die Politiker der Lega Nord werden alles dafür tun, dass dies ein leeres Versprechen bleibt.
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(SZ vom 12.08.2009/woja)
Youtube-Hit aus USA
In Italien hat sich schon längst in eine Art "demokratische Anarchie" etabliert, dominiert von einer politischen Paralellgesellschaft, die die vorherrschende Politikverdrossenheit der Bürger schamlos ausnutzt. Die meisten Italiener schauen entweder belustigt, verärgert oder gelangweilt auf die seit Jahrzehnten andauernde Komödie, die ihnen Tag für Tag von der Politik vorgespielt wird - nicht erst seit Berlusconi. Resigniert überlässt man das politische Geschäft einigen Clowns, Hampelmännern und Kriminellen. Und kümmert sich in erster Linie darum, wie man in diesem System individuell am besten über die Runden kommt. Mit einigem Erfolg. So gefährlich diese Entwicklung für ein Demokratie sein kann, so sehr zeugt sie aber auch von einer selbstbestimmenden Kraft der italienischen Bürger. Es gibt nicht viele Länder, die in einem derart politischen und moralischen Vakuum überhaupt noch funktionsfähig sein können. Vor allem Deutschland wäre schon längst daran gescheitert.
Ich kann nur Oxenstierna zitieren:
Man kann sich nicht vorstellen mit wieviel Dummheit die Welt regiert wird.
Gute Frage. Wahrscheinlich nicht mehr lange. Dann werden Medienmonopolisten das italienische Modell auch in anderen europäischen Staaten kopieren. Europa ist ja 1922 nach der Machtergreifung der Faschisten in Italien auch nicht eingeschritten, sondern hat gebannt auf die Erfolge des Regimes geschaut (und das Morden ignoriert) und dann fleissig kopiert. Deutschland 1933, Spanien 1936, .... aber das ist ja bekannt.
wie sich eine Gesellschaft entwickelt, die die Demokratie langsam hinter sich lässt: Sonderrechte für die Priviligierten, die den Staat gleich selber als eine Unterabteilung des eigenen Firmenimperiums miterledigen und weiteres zurückdrehen der ohnehin schon beescheidenen Rechte der Armen. Wer keine Arbeit findet, möge doch bitte reich heiraten. Wie lange will sich Europa das noch anschauen?