Israels Atomstreit mit Iran Netanjahus einsamer Kampf

Der israelische Premier hat recht, wenn er von Iran im Atomstreit Taten statt Worte verlangt. Doch wie Netanjahu das fordert, wirkt selbst für Freunde verstörend. Er stellt sein Land ins Abseits.

Ein Kommentar von Peter Münch, Tel Aviv

Benjamin Netanjahu ist es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen, zu Hause und auf der internationalen Bühne. Israels Premierminister ist ein Mann des großen Auftritts und der starken Worte.

Doch anlässlich seiner aktuellen Reise in die USA sieht er sich bei seinem Treffen mit Präsident Barack Obama und seinem Auftritt vor den Vereinten Nationen plötzlich in eine ungewohnte Rolle gedrängt: Die spannenden Reden sind längst von andern gehalten, die Iraner haben mit dem Westen in New York eine verheißungsvolle Versöhnungsparty gefeiert, Netanjahu kommt zu spät - und wird bestraft. Statt im Mittelpunkt steht er am Rand. Doch von dort aus macht er das, was er schon immer gemacht hat: Er zetert und warnt.

Keiner liebt Kassandra, und weder Obama noch der Rest der Welt will sich vom Ceterum-censeo-Propheten aus Jerusalem die gute Laune verderben lassen. Das allein allerdings spricht noch nicht gegen Netanjahus einsamen Kampf. Er hat ja durchaus recht, wenn er von Teheran im Atomstreit Taten statt Worte verlangt. Es ist verständlich, dass er angesichts der potenziellen Gefahren für Israel durch eine iranische Atombombe die Euphorie bremsen will. Doch Netanjahu macht einen Fehler, wenn er glaubt, sich im Tauwetter als der letzte kalte Krieger halten zu können.

Charme ist wirkungsvoller als Drohungen

Irans Präsident Hassan Rohani hat bewiesen, dass Charme in der Weltpolitik ein weit wirkungsvolleres Werkzeug sein kann als beständige Drohungen. Netanjahu also wäre gut beraten, wenn er auf das neue Momentum im geopolitischen Gefüge nicht allein mit den alten Rezepten reagiert. Bei Rohanis Vorgänger Mahmud Ahmadinedschad mag es noch richtig gewesen sein, auf einen groben Klotz einen groben Keil zu setzen.

Nun jedoch wirkt es selbst für Freunde verstörend, wenn als Echo auf die iranischen Offerten aus Jerusalem die Forderung nach noch schärferen Sanktionen dröhnt und das Recht auf einen militärischen Präventivschlag betont wird. Das ist nicht nur rückwärtsgewandt, sondern kontraproduktiv, weil Israel sich damit selbst ins Abseits stellt.

Obama wagt den Test

Auch wenn längst nicht klar ist, worin sich Rohanis Kurs in der Substanz von dem seines Vorgängers unterscheidet, so hat er mit seinen jüngsten Äußerungen und Auftritten schon viel gewonnen: Vertrauen nämlich, das als Grundlage für neue Verhandlungen dient. Solche Verhandlungen sind tatsächlich der einzige Weg, um herauszufinden, wie ernst es die Teheraner Führung wirklich meint. Obama hat beschlossen, den Test zu wagen - und Netanjahu wird ihn davon weder mit neuen Geheimdiensterkenntnissen noch mit alten Doomsday-Szenarien abbringen können.

Israel hat in diesem Prozess nur die Wahl, entweder abgekoppelt zu werden oder eine konstruktivere Rolle einzunehmen. Letzteres liegt im Interesse des jüdischen Staats. Denn wenn die Verhandlungen erfolgreich sind, könnte Israel der größte Profiteur sein. Und wenn sie scheitern, braucht es dringend die Unterstützung der Weltgemeinschaft, um das iranische Atomprogramm noch zu stoppen.