Zehn Jahre 9/11: Was denken Muslime über den Jahrestag? Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor sprach mit sueddeutsche.de über die Angst vor al-Qaida, ihre Wut auf Thilo Sarrazin - und darüber, was Muslime für mehr Verständnis tun können.
Lamya Kaddor kam 1978 im westfälischen Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer zur Welt. In Münster studierte sie Arabistik und Islamwissenschaft sowie Erziehungswissenschaft und Komparatistik. Mehrere Jahre bildete Kaddor islamische Religionslehrer aus und vertrat dort zwischen Juli 2007 und März 2008 die Aufgaben der Professur für "Islamische Religionspädagogik". Kaddor ist publizistisch tätig, außerdem ist sie Mitbegründerin und Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes.
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Wurzeln in Syrien, geboren in Westfalen: Wissenschaftlerin Lamya Kaddor (© ddp)
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sueddeutsche.de: Frau Kaddor, wann sollten Sie sich das letzte Mal für islamistischen Terrorismus rechtfertigen?
Lamya Kaddor: Solche Forderungen kommen ständig, das letzte Mal wahrscheinlich vor einer Woche: "Jetzt sagen Sie doch mal, warum erlaubt Ihr Glaube Terrorismus!" Aber das ist Unsinn, dafür rechtfertige ich mich nicht.
sueddeutsche.de: Was sagen Sie also, wenn jemand Sie auf al-Qaida anspricht?
Kaddor: Al-Qaida definiert sich zwar als islamische Gruppe, aber mich haben die Terroristen dazu nicht befragt. Ihre Gewaltbereitschaft hat theologisch keine Basis. Mich macht das im Übrigen genauso ängstlich: Der Gedanke, dass irgendwann in der U-Bahn eine Bombe hochgeht. Die könnte mich genauso treffen. Mit dieser Angst müssen wir alle leben, auch Muslime. Wir sitzen im gleichen Boot.
sueddeutsche.de: In Kürze jähren sich die Anschläge vom 11. September 2001 zum zehnten Mal. Welche Bedeutung hat der Jahrestag für Sie?
Kaddor: Am 11. September wird mir klar, wie viel Leid dieser Tag vor zehn Jahren verursacht hat, auf beiden Seiten wohlgemerkt. Wie viele Unschuldige damals und seitdem durch islamistische Anschläge und Gegenreaktionen sterben mussten. Aber auch, wie viele unschuldige Muslime in einen Topf mit Terroristen geworfen werden. Wie die Islamfeindlichkeit in Europa wächst. Dass jemand wie Thilo Sarrazin Muslime zu Sündenböcken machen kann.
sueddeutsche.de: Sarrazin hat mit seinem umstrittenen Buch riesigen Erfolg. Wie empfinden Sie die Stimmung in Deutschland, den Beifall, den solche 'Islamkritiker' bekommen?
Kaddor: Die Islamfeindlichkeit hat alle gesellschaftlichen Schichten erfasst. Wer besucht Sarrazins Veranstaltungen? Das sind keine dumpfen Rechtsradikalen, es sind gebildete Menschen. Ich finde das erschreckend. Gerade auch angesichts des Massakers in Norwegen. Natürlich sind Sarrazin, Broder und Co. nicht daran schuld, was dort passiert ist. Aber sie sind sozusagen der bürgerliche Schützengraben für Menschen wie der Attentäter Anders Breivik.
sueddeutsche.de: Müssen die Gesetze verschärft werden? Muss der Verfassungsschutz auch Islamhasser beobachten, nicht nur Islamisten?
Kaddor: Ja, ich denke schon. Wenn man, wie ich, selbst betroffen ist von Hetzkampagnen, dann wünscht man sich, dass zum Beispiel rechtspopulistische Seiten im Internet beobachtet werden.
sueddeutsche.de: War die Situation der Muslime in Deutschland vor dem 11. September 2001 denn besser?
Kaddor: Was das Feindbild Islam betrifft: Eindeutig ja!
sueddeutsche.de: Was hat sich geändert?
Kaddor: Der Blick auf die Muslime, die Art, wie wir wahrgenommen werden. Heute wird man sozusagen 'muslimifiziert' - die Gesellschaft sieht beinahe nichts mehr in uns außer den Muslim. Ich bin nicht mehr Lamya Kaddor, ich bin nicht mehr Frau, nicht mehr Mutter, Islamwissenschaftlerin oder Lehrerin. Dabei bin ich als Gründerin des Liberal-Islamischen Bundes sicher ein Sonderfall, ich bezeichne mich ja selbst als "Berufsmuslimin". Aber auch andere Muslime, mit denen ich befreundet bin, werden auf ihr Muslim-Sein reduziert.
sueddeutsche.de: Wie erleben Sie diese Fokussierung im Alltag?
Kaddor: Das sind bei mir meistens ganz subtile Sachen. Vor kurzem war ich mit meiner Tochter spazieren. Sie sieht mir nur bedingt ähnlich. Sie weinte ein wenig, ich nahm sie auf den Arm und versuchte, sie zu beruhigen. Da kam ein älterer Herr, um die 70, blieb stehen und beobachtete uns. Und plötzlich sagte er: "Die ist ja blond!" Und dann: "Ich weiß, woher das kommt - die ist bestimmt in Deutschland geboren." Und ich dachte mir nur: Wenn der wüsste, dass ich auch in Deutschland geboren bin - was sagt er eigentlich dann?
sueddeutsche.de: Können Sie die Ängste nichtmuslimischer Deutscher auch verstehen?
Kaddor: Natürlich kann ich die verstehen. Wie gesagt, ich teile sie zum Teil sogar. Aber: Ängste kann man abbauen: Durch Begegnungen, indem man aufgeklärt wird oder sich selbst um Aufklärung bemüht. Aber häufig geht es hier gar nicht um Angst.
sueddeutsche.de: Sondern?
Kaddor: Oft sind es tiefsitzende Ressentiments - es ist eine Art von Rassismus. Und das macht es so unheimlich schwer. Ich erlebe das häufig in Gesprächen. Ich frage dann: Was genau macht Ihnen Angst? Und dann kommt oft die Antwort: Überfremdung. Auch die meisten "Islamkritiker", mit denen ich rede, gehen kaum auf irgendwelche Argumente ein, denn natürlich wollen sie sich ihre Ideologie nicht nehmen lassen.
sueddeutsche.de: Können Muslime trotzdem etwas gegen die Vorbehalte tun?
Kaddor: Sie müssen sich noch stärker als bisher positionieren, auch im privaten Umfeld. Ich muss meinem Arbeitskollegen hin und wieder sagen, dass ich den Terror genauso schlimm finde wie er. Und jeder Muslim steht in der Pflicht, dies vor allem auch in der eigenen Community deutlich zu machen. Stillschweigen sendet hier mitunter missverständliche Signale an die Täter. Es muss allerdings ein Miteinander sein, und die Politik muss das begünstigen. Die Medien spielen da ebenso eine Rolle. Wenn in den Nachrichten immer nur von "Ehrenmorden" und Zwangsheiraten zu hören ist, ist es kein Wunder, dass Menschen den Eindruck bekommen, alle Muslime seien furchtbar. Solange wir immer nur über Probleme reden, wenn wir über Muslime reden, können wir keine Ressentiments überwinden.
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(sueddeutsche.de/odg/mikö)
Stockender Kita-Ausbau
In scharfem Gegensatz zu den heute in Europa noch weitverbreiteten Anschauungen, als sei der Mohammedanismus von fanatischer Unduldsamkeit gegen Andersgläubige beseelt gewesen, muss das 'Gegenteil konstatiert werden'. Christen, Juden und Andersgläubige überhaupt haben unter dem Mohammedanismus vom ersten Tage seines Entstehens an mit einer Ruhe und Sicherheit gelebt, wie sie Andersdenkenden im gleichzeitigen christlichen Europa nirgends zuteil wurde.' [....] 'Juden und Christen haben in der Blütezeit des Islam und noch viel später, ja selbst bis in unsere Tage, die höchsten Ehrenstellen im mohammedanischen Staatswesen bekleidet; die Juden speziell genossen Rechte und nahmen Ehrenstellen ein, die ihnen heute vielfach noch im christlichen Abendland versagt werden.' (Text stammt von 1889) [...] 'Ferner standen christliche und jüdische Gelehrte mit den mohammedanischen im freundschaftlichsten Verkehr; religiöse, philosophische, juristische, medizinische und naturwissenschaftliche Thematas wurden mit einer Freiheit und Ungeniertheit öffentlich erörtert, die in den meisten christlichen Staaten bis in die neuere Zeit unerhört war. So geschah es, dass schon frühzeitig und zu einer Zeit, wo das christliche Abendland noch in tiefster Barbarei lag und die wildeste Verfolgung gegen jeden ins Werk setzte, der da wagte, an den Kirchendogmen zu zweifeln, oder der Studien oblag, welche in ihren Erfolgen die Glaubenssätze anzutasten drohten, das mohammedanische Reich eines hohen Masses von Geistesfreiheit und Kultur sich erfreute, und der Orient es war, der dem in finsterer Glaubensnacht versunkenen Abendland die Leuchte der Erkenntnis überreichte.
[...]
Es ist übrigens sehr die Frage, ob selbst die heutigen christlichen Staaten einer größeren Anzahl von Mohammedanern in ihrer Mitte diejenigen Freiheiten einräumen würden, die - allem Zeitungsgeschwätz zum Trotz - die Christen bei den Mohammedanern heute noch tatsächlich genießen.
(Ende des Ersten Kapitels)
AUGUST BEBEL, Die mohammedanisch-arabische Kulturperiode, 2. Auflage, J.H.W. Dietz Stuttgart, 1889
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Falls Sie meinen Kommentar vom 31.8. - 11:45 meinen: wenn Sie genau lesen, merken Sie, dass es um einen allgemeinen subjektiven Eindruck zu einer Reiche von Online-Kommentaren in einer Reihe von Artikeln in sueddeutsche.de geht.
Wer allgemein den Islam nicht als gleichberechtigte Weltreligion neben Judentum, Christentum, Buddhismus, Hinduismus, etc. sieht, sondern als gefährliche politische Bewegung, die unser christliches Abendland zerstören will (in diese argumentative Richtung geht ein grosser Teil der Kommentare in diesem und in anderen Threads), ist meiner Ansicht nach islamophob und selber ein Teil einer gefährlichen politischen Bewegung, die ursächlich für die Tragödie in Dresden vor ein paar Jahren (die Stephan Kramer, den Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, seinerzeit zu seinem mutigen Statement gegen Islamophobie veranlasst hat ...) und in noch grösserem Masse für die Tragödie in Oslo vor ein paar Wochen ist, und die, ebenso wie der Antisemitismus eine Bedrohung für die jüdischen Gemeinden darstellt, eine Bedrohung für die Millionen von Muslimen in unserem Land darstellt.
Den Kommentator tomtomtoy habe ich dabei gar nicht ausdrücklich gemeint, ... aber wenn Sie sich angesprochen fühlen .... ;-)
Sie werden sicher den Satz der ihnen nicht passt genau Bennen können , was per Detail ist nach ihren Ansichten erfunden oder falsch wiedergegeben ?
Anstelle eines nichtssagenden Textes sollten sie punktgenaue Aussagen machen , dann könnten wir Vielleicht alle Widersprüche aufklären .
Sieht die von ihnen beschriebene Islamfeindlichkeit vielleicht etwas differenzierter , oder berechtigter und fragt sich , ist es wirklich möglich das im namen einer Religion solche taten heute noch gerechtfertigt werden können !
Paging