Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor "Islamfeindlichkeit hat alle sozialen Schichten erfasst"

Zehn Jahre 9/11: Was denken Muslime über den Jahrestag? Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor sprach mit sueddeutsche.de über die Angst vor al-Qaida, ihre Wut auf Thilo Sarrazin - und darüber, was Muslime für mehr Verständnis tun können.

Interview: Christoph Heinlein

Lamya Kaddor kam 1978 im westfälischen Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer zur Welt. In Münster studierte sie Arabistik und Islamwissenschaft sowie Erziehungswissenschaft und Komparatistik. Mehrere Jahre bildete Kaddor islamische Religionslehrer aus und vertrat dort zwischen Juli 2007 und März 2008 die Aufgaben der Professur für "Islamische Religionspädagogik". Kaddor ist publizistisch tätig, außerdem ist sie Mitbegründerin und Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes.

sueddeutsche.de: Frau Kaddor, wann sollten Sie sich das letzte Mal für islamistischen Terrorismus rechtfertigen?

Lamya Kaddor: Solche Forderungen kommen ständig, das letzte Mal wahrscheinlich vor einer Woche: "Jetzt sagen Sie doch mal, warum erlaubt Ihr Glaube Terrorismus!" Aber das ist Unsinn, dafür rechtfertige ich mich nicht.

sueddeutsche.de: Was sagen Sie also, wenn jemand Sie auf al-Qaida anspricht?

Kaddor: Al-Qaida definiert sich zwar als islamische Gruppe, aber mich haben die Terroristen dazu nicht befragt. Ihre Gewaltbereitschaft hat theologisch keine Basis. Mich macht das im Übrigen genauso ängstlich: Der Gedanke, dass irgendwann in der U-Bahn eine Bombe hochgeht. Die könnte mich genauso treffen. Mit dieser Angst müssen wir alle leben, auch Muslime. Wir sitzen im gleichen Boot.

sueddeutsche.de: In Kürze jähren sich die Anschläge vom 11. September 2001 zum zehnten Mal. Welche Bedeutung hat der Jahrestag für Sie?

Kaddor: Am 11. September wird mir klar, wie viel Leid dieser Tag vor zehn Jahren verursacht hat, auf beiden Seiten wohlgemerkt. Wie viele Unschuldige damals und seitdem durch islamistische Anschläge und Gegenreaktionen sterben mussten. Aber auch, wie viele unschuldige Muslime in einen Topf mit Terroristen geworfen werden. Wie die Islamfeindlichkeit in Europa wächst. Dass jemand wie Thilo Sarrazin Muslime zu Sündenböcken machen kann.

sueddeutsche.de: Sarrazin hat mit seinem umstrittenen Buch riesigen Erfolg. Wie empfinden Sie die Stimmung in Deutschland, den Beifall, den solche 'Islamkritiker' bekommen?

Kaddor: Die Islamfeindlichkeit hat alle gesellschaftlichen Schichten erfasst. Wer besucht Sarrazins Veranstaltungen? Das sind keine dumpfen Rechtsradikalen, es sind gebildete Menschen. Ich finde das erschreckend. Gerade auch angesichts des Massakers in Norwegen. Natürlich sind Sarrazin, Broder und Co. nicht daran schuld, was dort passiert ist. Aber sie sind sozusagen der bürgerliche Schützengraben für Menschen wie der Attentäter Anders Breivik.

sueddeutsche.de: Müssen die Gesetze verschärft werden? Muss der Verfassungsschutz auch Islamhasser beobachten, nicht nur Islamisten?

Kaddor: Ja, ich denke schon. Wenn man, wie ich, selbst betroffen ist von Hetzkampagnen, dann wünscht man sich, dass zum Beispiel rechtspopulistische Seiten im Internet beobachtet werden.

sueddeutsche.de: War die Situation der Muslime in Deutschland vor dem 11. September 2001 denn besser?

Kaddor: Was das Feindbild Islam betrifft: Eindeutig ja!

sueddeutsche.de: Was hat sich geändert?

Kaddor: Der Blick auf die Muslime, die Art, wie wir wahrgenommen werden. Heute wird man sozusagen 'muslimifiziert' - die Gesellschaft sieht beinahe nichts mehr in uns außer den Muslim. Ich bin nicht mehr Lamya Kaddor, ich bin nicht mehr Frau, nicht mehr Mutter, Islamwissenschaftlerin oder Lehrerin. Dabei bin ich als Gründerin des Liberal-Islamischen Bundes sicher ein Sonderfall, ich bezeichne mich ja selbst als "Berufsmuslimin". Aber auch andere Muslime, mit denen ich befreundet bin, werden auf ihr Muslim-Sein reduziert.

sueddeutsche.de: Wie erleben Sie diese Fokussierung im Alltag?

Kaddor: Das sind bei mir meistens ganz subtile Sachen. Vor kurzem war ich mit meiner Tochter spazieren. Sie sieht mir nur bedingt ähnlich. Sie weinte ein wenig, ich nahm sie auf den Arm und versuchte, sie zu beruhigen. Da kam ein älterer Herr, um die 70, blieb stehen und beobachtete uns. Und plötzlich sagte er: "Die ist ja blond!" Und dann: "Ich weiß, woher das kommt - die ist bestimmt in Deutschland geboren." Und ich dachte mir nur: Wenn der wüsste, dass ich auch in Deutschland geboren bin - was sagt er eigentlich dann?

sueddeutsche.de: Können Sie die Ängste nichtmuslimischer Deutscher auch verstehen?

Kaddor: Natürlich kann ich die verstehen. Wie gesagt, ich teile sie zum Teil sogar. Aber: Ängste kann man abbauen: Durch Begegnungen, indem man aufgeklärt wird oder sich selbst um Aufklärung bemüht. Aber häufig geht es hier gar nicht um Angst.

sueddeutsche.de: Sondern?

Kaddor: Oft sind es tiefsitzende Ressentiments - es ist eine Art von Rassismus. Und das macht es so unheimlich schwer. Ich erlebe das häufig in Gesprächen. Ich frage dann: Was genau macht Ihnen Angst? Und dann kommt oft die Antwort: Überfremdung. Auch die meisten "Islamkritiker", mit denen ich rede, gehen kaum auf irgendwelche Argumente ein, denn natürlich wollen sie sich ihre Ideologie nicht nehmen lassen.

sueddeutsche.de: Können Muslime trotzdem etwas gegen die Vorbehalte tun?

Kaddor: Sie müssen sich noch stärker als bisher positionieren, auch im privaten Umfeld. Ich muss meinem Arbeitskollegen hin und wieder sagen, dass ich den Terror genauso schlimm finde wie er. Und jeder Muslim steht in der Pflicht, dies vor allem auch in der eigenen Community deutlich zu machen. Stillschweigen sendet hier mitunter missverständliche Signale an die Täter. Es muss allerdings ein Miteinander sein, und die Politik muss das begünstigen. Die Medien spielen da ebenso eine Rolle. Wenn in den Nachrichten immer nur von "Ehrenmorden" und Zwangsheiraten zu hören ist, ist es kein Wunder, dass Menschen den Eindruck bekommen, alle Muslime seien furchtbar. Solange wir immer nur über Probleme reden, wenn wir über Muslime reden, können wir keine Ressentiments überwinden.

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