Irland kippt das Abtreibungsverbot Eine gesellschaftliche Revolution

Den Jubel der Iren, die sich über den sensationellen Erfolg und die Liberalisierung des Abtreibungsrechts freuten, konnte man wahrscheinlich noch in Großbritannien hören.

(Foto: dpa)

Das klare Ja der Iren für ein Recht auf Abtreibung ist eine riesige Überraschung. Der eigentliche Sieg der Yes-Kampagne ist aber ein anderer.

Kommentar von Cathrin Kahlweit, London

Der irische Premier Leo Varadkar hat von einer "schweigenden Revolution" gesprochen, nachdem das Ergebnis des Referendums gegen das Abtreibungsverbot bekannt geworden war. Und er hat recht, auch wenn die Reaktionen in Irland am Wochenende alles andere als "schweigend" waren: Den Jubel derer, die sich über ihren sensationellen Erfolg und die damit beschlossene Liberalisierung des rigiden Abtreibungsrechts freuten, konnte man wahrscheinlich noch auf der anderen Seite der Irischen See, in Großbritannien, hören.

Dorthin waren bislang Tausende Frauen jedes Jahr gereist, weil ihnen der irische Staat das Recht auf Abtreibung verweigert hatte. Nun soll bis Jahresende das neue Gesetz eingebracht sein, das einen Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Woche straffrei stellt. Das ist die eine, die juristische Revolution.

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Die andere, die schweigende Revolution, die der schwule, indischstämmige Premierminister in Dublin im Blick hat, ist eine gesellschaftliche - und sie reicht weiter als der Streit über die Rechte von Frauen und ungeborenen Kindern. Sie hat sich über Jahre vollzogen, und sie geht tiefer, als es selbst den meisten Iren bewusst war. Das Land hat sich grundlegend geöffnet, verändert, modernisiert, ohne dabei tiefe Gräben zu hinterlassen, ohne sich zu spalten.

Ein Wendepunkt war die Finanzkrise vor etwa zehn Jahren, die in Irland erst Schock und Katastrophenstimmung auslöste und dann eine ökonomische Wiederauferstehung in Gang setzte. Die Wirtschaft boomt, die Republik hat heute eine der höchsten Wachstumsraten in der ganzen EU. Entscheidender für den Wandel in den Köpfen aber dürften die vielen Enthüllungen über grauenhafte Verfehlungen der katholischen Kirche gewesen sein, die das Vertrauen in den Klerus erschütterten. Im vergangenen Jahrzehnt ist die Zahl der Iren, die sich als religiös bezeichnen, unter die 50-Prozent-Marke gefallen. Die Macht der Bischöfe, die das Land Jahrhunderte im Griff hatten, ist gebrochen.

Und trotzdem war das Ergebnis vom Freitag eine riesige Überraschung. Dass auf zwei Dritteln aller Stimmzettel das Yes angekreuzt wurde, ist ein Ergebnis, mit dem nicht einmal die glühendsten Verfechterinnen eines liberalen Abtreibungsrechts gerechnet hatten.

Das klare Ja zeigt, wie sehr sich das Land in den letzten zehn Jahren gewandelt hat

Knapp würde es ausgehen, hatte es immer geheißen; die ländliche Bevölkerung, die Älteren, die Konservativen, die Männer, die gläubigen Katholiken - sie alle würden mehrheitlich gegen eine Abschaffung des 8. Verfassungszusatzes stimmen, der Frauen und Ungeborenen gleiche Rechte zuschreibt. Das hatten alle Experten vorausgesagt. Nun ist alles anders gekommen. Ein einziger Landkreis in der Republik hat mit Nein gestimmt. Nur unter den 65-Jährigen stimmte eine Mehrheit dagegen.

Dass nur wenige diese Sensation vorher für möglich gehalten haben, zeigt, wie stark Angst, Ohnmacht, Scham und die Macht des Schweigens immer noch waren. Jahrzehnte verpasster Auseinandersetzungen müssen jetzt nachgeholt, ein kollektives Trauma muss aufgearbeitet werden. Eine neue Diskussionskultur kann jetzt, nach dem Referendum, überhaupt erst entstehen. Das ist der eigentliche Sieg der Yes-Kampagne, der damit auch ein mittelbarer Sieg jener sein wird, die mit Nein gestimmt haben: Die Iren sind endlich im Gespräch mit sich selbst.

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