Irland kippt Abtreibungsverbot "Die Frauen sind zu lange im Stich gelassen worden"

Viele Irinnen sind sogar aus dem Ausland angereist, um gegen das Abtreibungsverbot stimmen zu können.

(Foto: dpa)
  • Mit überraschend großer Mehrheit haben die Iren gegen das Verbot von Abtreibungen gestimmt.
  • Die Irinnen sind begeistert. Vor dem Parlamanent und auf den Straßen der Hauptstadt Dublin feiern sie.
  • Die katholische Kirche, die vehement für den Erhalt des Verbots gekämpft hatte, hat sich bisher mit Reaktionen zurückgehalten.
Von Cathrin Kahlweit, London

Diesen Ansturm auf die Wahlkabinen, diese Euphorie hatte keiner erwartet. Viele Wählerinnen waren extra von weit her nach Irland eingeflogen, um am Freitag an einer historischen Abstimmung teilzunehmen. Und dann dieses Ergebnis: Nach der Auszählung aller Stimmen ist klar: Die Yes-Kampagne, die für das Recht auf Abtreibung in der Republik Irland geworben hatte, hat einen beeindruckenden Sieg eingefahren. Aller Skepsis, allem Zweckpessimismus zum Trotz: Das Ergebnis ist weitaus eindeutiger ausgefallen, als Umfragen und Experten befürchtet hatten. Es ist kein knappes Ja. Es ist ein Ja! Ja! Ja!

Mit rund 66 Prozent stimmten die Iren laut amtlichem Endergebnis dafür, dass jener Zusatz aus der Verfassung gestrichen wird, der seit 1983 festlegt, dass Fötus und Mutter die gleichen Rechte haben. Das bedeutete bisher, dass Abtreibungen in Irland verboten sind - selbst bei Vergewaltigung, Inzest oder schweren Missbildungen des Fötus. Einziger legaler Abtreibungsgrund und das auch erst seit wenigen Jahren: wenn Gefahr für das Leben der Mutter besteht.

Auf den Straßen in Dublin herrscht Partystimmung

Nun wird also ein neues Gesetz verabschiedet werden, das dem in anderen EU-Ländern gleicht. Es wird die straffreie Abtreibung bis zur 12. Woche erlauben, danach nur in medizinisch indizierten Ausnahmefällen. Selbst in den meisten konservativen, ländlichen Provinzen, auf die die Kirche gesetzt hatte, haben es die Ja-Befürworter über die 50-Prozent-Marke geschafft. Die offiziellen Vertreter der No-Kampagne, die das Abtreibungsverbot bewahren wollten, haben ihre Niederlage bereits eingeräumt. Sie kündigten an, sie würden die entsprechende neue Gesetzgebung nicht bekämpfen. Dennoch klagte der Sprecher der Abtreibungsgegner, John McGuirk: "Was die irischen Wähler gestern getan haben, ist ein Tragödie von historischem Ausmaß." Die katholische Kirche, die vehement für den Erhalt des Verfassungszusatzes gekämpft hatte, hat sich bisher mit Reaktionen zurückgehalten. Es ist auch ihre Niederlage.

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Aus der Bevölkerung sind die Reaktionen umso deutlicher. Zu sagen, dass die Begeisterung im Land riesig ist, wäre wohl noch untertrieben. Paddy Ashdwon, in Nordirland aufgewachsener, ehemaliger Top-Diplomat, paraphrasiert den irischen Dichter William Butler Yeats, als er schreibt: "Eine wunderbare Schönheit wird geboren", Irland sei an diesem 25. Mai 2018 endlich ein entwickelter, moderner europäischer Staat geworden. Auf den Straßen Dublins herrscht Partystimmung, überall feiern große Gruppen von Frauen. Sie hätten nie geglaubt, diesen Tag noch erleben zu dürfen, rufen sie.

Vor dem Parlament, das das Referendum - und die Yes-Kampagne - unterstützt hatte, hat sich mittlerweile eine riesige Menschenmenge versammelt, die jeden Politiker, der auf das Gelände will, mit Jubelrufen begrüßt. Im Netz melden sich Irinnen aus aller Welt, die nicht zur Abstimmung anreisen konnten, begeistert darüber, dass der Umschwung auch ohne sie geklappt hat. "Mein Herz ist voller Freude", schreibt die Yes-Befürworterin Ailbhe Smyth, "ich bin so stolz auf unsere Frauen, unsere Männer, auf Irland."

Die Frauen seien zu lange im Stich gelassen worden, sagt Gesundheitsminister Harris

Leah Hoctor hat besonderen Grund zur Freude. Die Irin und Juristin ist Europa-Direktorin des Zentrums für reproduktive Rechte; mit ihrer Unterstützung waren 2016 und 2017 zwei irische Frauen für ihr Recht auf Abtreibung bis vor das Menschenrechtskomitee der Vereinten Nationen gezogen. Sie hatten ihre Klagen gewonnen. Erst daraufhin hatte die irische Regierung das Referendum initiiert. Hoctor sagt heute: "Das Referendum ist eine Zeitenwende. Es ist ein Schritt auf dem Weg zu mehr Respekt für Frauen - und für die Abschaffung von Gesetzen, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen und Menschenrechte verletzen."

Irlands Ministerpräsident Leo Varadkar begrüßt das Ergebnis des Referendums. "Was wir heute sehen, ist der Höhepunkt einer stillen Revolution, die in Irland in den vergangenen zehn bis 20 Jahren stattgefunden hat", so Varadkar gegenüber einem irischen TV-Sender. "Die Menschen haben gesagt, dass wir eine moderne Verfassung für ein modernes Land wollen." Euphorie ist auch in der Stimme von Gesundheitsminister Simon Harris zu hören, der die Yes-Kampagne unterstützt hatte: "Ich habe immer gesagt, die Iren sind ein anständiges und mitfühlendes Volk. Das haben sie heute bewiesen." Frauen seien zu lange im Stich gelassen worden. "Heute hat Irland gezeigt: Wir sind alle auf eurer Seite."

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