Interview mit Kabarettist Rainald Grebe "Schwarz passt besser zu grün als rot"

Er singt Spottlieder über ostdeutsche Bundesländer, lästert über das Szeneviertel Prenzlauer Berg und die bizarren Aufgaben des Bundespräsidenten. Im sueddeutsche.de-Gespräch erklärte der Satiriker Rainald Grebe, wieso die Bibel gut zum Manufactum-Katalog passt und die Wähler der Grünen an ihrer Widersprüchlichkeit nicht verzweifeln müssen.

Interview: Matthias Kolb

Rainald Grebe hat momentan keinen Anlass, sich zu beschweren: Der Kabarettist wird von den Kritikern gelobt und von den Zuschauern gefeiert. Er ist regelmäßiger Gast in der ZDF-Sendung "Neues aus der Anstalt" und erhält in diesem Jahr den Deutschen Kleinkunstpreis. "Gerade in dieser Berliner Republik kennen mich sehr viele. Denen gefällt wohl diese Mischung aus halbwegs intelligent und zeitgeistig", sagt Grebe über sich selbst. Vor einem Auftritt sprach Grebe mit sueddeutsche.de über den Erfolg der Grünen und die Leistung der deutschen Bundespräsidenten.

sueddeutsche.de: Herr Grebe, vermissen Sie eigentlich Horst Köhler?

Rainald Grebe: Nein, ich denke auch nicht oft an ihn. Aber ich habe eben erst in der Zeitung gelesen, dass es ein Jahr her ist, dass er weg vom Fenster ist.

sueddeutsche.de: Sie haben in einer Nummer die Arbeit des Bundespräsidenten passend beschrieben: "schnuckelige Fähren taufen", im Heli übers Land fliegen und Herzpatienten grüßen. Christian Wulff scheint sich auch nur auf die "Macht der warmen Worte" zu verlassen.

Grebe: Aber was hat man denn von seinem Vorgänger mitbekommen?

sueddeutsche.de: Köhler hat versucht, sich einzumischen.

Grebe: Es ist doch so: Von beiden hört man nur Konsensgerede, weil man nichts anderes von einem Präsidenten erwartet. Die unterlegenen Kandidaten, Joachim Gauck und Gesine Schwan, wären sicher interessanter gewesen, allein weil sie sich besser artikulieren können und nicht aus dieser Politik- oder Verwaltungsebene kommen.

sueddeutsche.de: War Köhler so populär, weil er so normal wirkte?

Grebe: Seine Zustimmungswerte kann ich mir auch nicht erklären. Wahrscheinlich war er beliebt, weil er nicht aufgefallen ist und sich als Anti-Politiker inszeniert hat. Aber mir fällt nichts ein, was Köhler konkret verändert hat. Er wollte Afrika helfen, aber sonst? Da war Christian Wulff mit dem Satz, der Islam gehöre zu Deutschland, mutiger. Inwieweit das Kalkül von ihm war und er seine eigenen Parteifreunde provozieren wollte, weiß ich nicht. Das Lied "Ich bin der Präsident" kann ich problemlos weitersingen, denn es sind einfach keine markanten Leute.

sueddeutsche.de: Sie haben eine andere Nummer, "Ich bin Ihr Kandidat", den Berufspolitikern gewidmet. Die müssen allen alles versprechen und über jedes Thema sprechen, auch wenn sie keine Ahnung davon haben. Wieso tun sich Leute so was überhaupt noch an?

Grebe: Ich beschäftige mich gerade intensiv mit Politik, weil ich an einem Theaterprojekt anlässlich der kommenden Wahl in Berlin arbeite. Ich habe schon mehrere Kandidaten getroffen und Politiker kommen meist aus eher farblosen Berufen. Lehrer und Juristen gelten nach den Kriterien unserer Mediengesellschaft als langweilig. Wenn diese Aktenschränke ins Rampenlicht gestellt werden und sich inszenieren müssen, dann verändert das den Menschen.

sueddeutsche.de: Ist Politik nur noch Theater?

Grebe: In vielen Bereichen der Gesellschaft werden immer mehr Theatermittel verwendet. Auch in Unternehmen hört man ständig Worte wie Darstellung, Kreativität, Improvisation. Politik kann zur Sucht werden, wie es etwa der Spiegel-Autor Jürgen Leinemann beschrieben hat. Ich kann das nachvollziehen, denn ich stehe auch jeden Abend auf der Bühne. Der Unterschied ist: Ich habe das Handwerk gelernt, doch diese Leute sind nicht darauf vorbereitet.

sueddeutsche.de: Es schwingt in Ihrem Monolog "Ich bin Ihr Kandidat" die Angst mit, dieses Amt zu verlieren und deswegen in jedes Mikrofon zu jedem Thema etwas zu sagen.

Grebe: Genau, die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Renate Künast, muss nun eben Berliner Landespolitik beherrschen, wenn sie Regierende Bürgermeisterin werden will. Hinzu kommen die Regeln des Medienbetriebs und des Internets: Alles wird schnell geschrieben, der Leser bekommt ein paar Infohappen und schon reden alle über das nächste Thema. All die Themen und Personen, die gerade noch extrem wichtig waren, verschwinden plötzlich komplett. Das führt zu dieser Gehetztheit und Ruhelosigkeit des politischen Betriebs. Mich hat die Aussage eines Schlafforschers sehr beschäftigt, der gesagt hat: Wer eine Woche nur fünf Stunden pro Nacht schläft, der hat das Bewusstsein eines Betrunkenen. Das ist auch eine interessante Frage, wer uns da eigentlich regiert. Wer hält das denn aus?

sueddeutsche.de: Manche Politiker wie Manuela Schwesig oder Christian Lindner haben wenigstens das Glück, durch gutes Aussehen punkten zu können.

Grebe: Und bei allen anderen kommen die Berater, die flüstern: "Ein Vollbart flößt kein Vertrauen ein." Da ist schon was Wahres dran. Leute wie Stefan Mappus oder Birgit Homburger haben es heute natürlich schwer, auch wenn die eigentlich ganz normal aussehen.