SZ: Die Einstellung von Männern wie Rudel war doch nach dem Krieg noch weit verbreitet. Wie sehr hat das den Aufbau der jungen Bundesluftwaffe geprägt?

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Günther Rall: Die meisten von uns hatten als junge Männer Krieg und Diktatur erlebt. Nun dienten wir in einem Militärbündnis mit ehemaligen Gegnern. Sicher, es gab die Spinner wie Rudel oder gewisse andere hochdekorierte ehemalige Kameraden, die den Judenmord bis heute leugnen. Solche Leute kamen aber nicht in die Bundeswehr hinein. Wir haben die Chance erkannt, die die Demokratie uns und unserem Land geboten hat.

SZ: Wie sehen Sie denn die Auslandseinsätze? Dadurch hat sich ja der Charakter der Bundeswehr fundamental verändert.

Günther Rall: Sehr skeptisch. Ich sehe erst mal den Krieg im Irak, den George W. Bush begonnen hat. Der Krieg war überhaupt falsch, und es war gut, dass wir nicht dabei waren. Dass wir uns jenseits der Nato-Grenzen militärisch engagieren, halte ich, wie der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt, unter dem ich einige Jahre gedient habe, für den falschen Weg.

SZ: Was bedeutet es, dass deutsche Soldaten wieder in ernsthafte Einsätze gehen?

Günther Rall: Sie haben ja eigentlich friedensstiftende Aufgaben, sie sollen erziehen, ausbilden, Feinde auseinanderhalten. Aber es ist ein Irrtum, zu glauben, dass das immer funktionieren wird. Es wird in Afghanistan ernsthaft geschossen.

SZ: Sie waren ja in der Zeit Soldat, als sehr viele Menschen, sehr viele Ihrer Kameraden gestorben sind...

Günther Rall: Gefallen sind...

SZ: ... und als die damalige Gesellschaft das akzeptiert hat. Könnte der demokratische Staat denn akzeptieren, wenn deutsche Soldaten im Ausland Krieg führen und sterben?

Günther Rall: Ich kann und will mir nicht mehr vorstellen, dass sich Deutschland noch einmal an einem Krieg beteiligt. Bei meinem letzten Kampfeinsatz, am 12. Mai 1944, flogen 900 schwere Bomber der US Air Force ein, geschützt durch 800 Jagdmaschinen. Die Armada erstreckte sich vom Harz bis Frankfurt. Und wir starteten mit 25 Flugzeugen. So etwas wird es nie mehr geben. Ich glaube, dass keine deutsche Regierung mehr bereit wäre, bewusst Soldaten in einen Krieg zu schicken.

SZ: Ein Krieg, wie Sie ihn erlebt haben, soll nicht mehr kommen . . .

Günther Rall: Ach! Das wäre ein Wahnsinn! Aber ob die Menschheit gescheiter wird? Ich weiß es nicht.

Günther Rall, geboren am 10. März 1918 in Gaggenau, war mit 275 Abschüssen einer der erfolgreichsten Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs. Er war, ausgezeichnet mit dem Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern, einerseits Held der NSWochenschauen, andererseits dem Regime gegenüber distanziert - auch weil seine Frau Hertha in Wien jüdischen Freunden zur Flucht verholfen hatte. Als Konsequenz aus seinen Erlebnissen ging er 1956 zur Bundeswehr, die ihm als Armee für eine bessere Sache erschien. 1967 gehörte er bei der Beerdigung des ersten Nachkriegskanzlers zur Ehrenwache an Konrad Adenauers Sarg. Rall war von 1971 an Inspekteur der Bundesluftwaffe und von 1974 an ständiger Vertreter der Bundesrepublik im Nato-Militärausschuss.

Sein bewegtes Leben hat er in dem Buch "Mein Flugbuch. Erinnerungen" (Herausgegeben von Kurt Braatz. NeunundzwanzigSechs Verlag) geschildert.

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  1. Über Helden
  2. "Die erste Begegnung mit Hitler zerstörte alle Illusionen"
  3. Sie lesen jetzt "Sich jenseits der Nato-Grenzen zu engagieren ist der falsche Weg."
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(SZ vom 04.04.2009/jree)