Abtreibung in Irland "Wir raten ihnen, von einer Fehlgeburt zu sprechen"

Seit Wochen treibt das Referendum die Abtreibungsbefürworter und -gegner in Irland auf die Straße.

(Foto: REUTERS)

In Irland drohen Frauen bei einer Abtreibung bis zu 14 Jahre Haft. Ärztin Rebecca Gomperts erklärt, wie sie Frauen hilft, die ungewollt schwanger sind. Mit Gesetzeslücken, Schiffen und Drohnen.

Interview von Leila Al-Serori

Die New York Times nannte Rebecca Gomperts einmal die "erste Extremistin der Abtreibungsbewegung". So will die niederländische Ärztin und Aktivistin aber lieber nicht bezeichnet werden - dann schon lieber als Piratin. Gomperts ist bekannt dafür, Frauen auf ihrem Boot in internationalen Gewässern einen legalen Schwangerschaftsabbruch zu ermöglichen. Ihre NGO "Women on Waves" finanziert sich ausschließlich durch Spenden und Fundraising, fast alle Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich. Die 52-Jährige nutzt aber noch weitere Gesetzeslücken, um eine Abtreibung zu ermöglichen - darunter den Versand der nötigen Medikamente per Post. In Irland hat sie damit zu der Debatte beigetragen, die zum jetzigen Referendum führte. An diesem Freitag stimmen die Iren über den achten Zusatzartikel der Verfassung ab, der Schwangerschaftsabbrüche selbst im Falle einer Vergewaltigung unter Strafe stellt.

SZ: Frau Gomperts, Sie ermöglichen Hunderten Frauen jedes Jahr in Irland abzutreiben - obwohl das dort illegal ist. Wie machen Sie das?

Rebecca Gomperts: Was wir machen, ist nicht illegal. Auf unserer Website bekommen Frauen, die sich an niemanden sonst wenden können, ärztliche Beratung und können anschließend Abtreibungspillen bestellen, die dann per Post verschickt werden. Da der irische Zoll die Päckchen seit 2009 beschlagnahmt, werden diese nach Nordirland gesendet. Dort sind zwar Abtreibungen auch nicht erlaubt, aber medizinische Postsendungen schon. Wir schauen immer genau, wie die jeweilige Gesetzeslage ist - und dann suchen wir einen legalen Weg drumherum.

Interview am Morgen

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Diese Frauen fahren also nach Nordirland, holen sich da die Pillen und nehmen sie ohne ärztliche Aufsicht ein. Ist das nicht gefährlich?

Die Abtreibung mit diesen Pillen ist sehr sicher - sogar sicherer als Penicillin einzunehmen. Es kann zwar zu Blutungen und Krämpfen kommen, ähnlich wie bei einer Fehlgeburt, aber es passieren nur sehr, sehr selten schwerere Komplikationen.

Und falls es doch dazu kommt?

Dann können die Frauen zu jedem Arzt oder Krankenhaus gehen und sich behandeln lassen. Wir raten ihnen nur, die Abtreibung zu verschweigen, und stattdessen von einer Fehlgeburt zu sprechen. Denn sonst drohen ihnen in Irland bis zu vierzehn Jahre Haft.

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Außerdem nutzen Sie Boote und Schiffe, um auf hoher See - also in internationalen Gewässern, wo das Recht des jeweiligen Heimatlandes nicht mehr gilt - Abbrüche bei ungewollt Schwangeren vorzunehmen. Wie sind Sie auf dieses juristische Schlupfloch gekommen?

Die Idee entstand, als ich für Greenpeace als Ärztin auf deren Booten arbeitete. Wir waren in vielen Ländern, in denen Abtreibungen verboten sind und konnten auf diesem Weg den Frauen helfen. So begann das Ganze.

Sie sind so auch vor die Küsten Spaniens und Portugals gefahren. Die Aufregung dort war groß - führte aber schließlich zur Änderung der Gesetze.

In Portugal hat man 2004 zuerst versucht, uns mit einem Kriegsschiff zu stoppen. Das führte aber zu einer Riesendebatte. Bei den Wahlen kurz darauf wurde die Regierung aus diesen, aber auch anderen Gründen, abgestraft. Das Abtreibungsverbot wurde schließlich gekippt. In solchen Momenten hat man das Gefühl, tatsächlich etwas bewirken zu können. Auch dass nun per Referendum die Gesetzeslage in Irland geändert werden könnte, gibt mir Hoffnung. Aber leider geht der Trend in anderen Ländern in genau die gegensätzliche Richtung. In Polen und Ungarn beispielsweise will man die Gesetze nicht weiter liberalisieren, sondern verschärfen.

Die Ärztin Rebecca Gomperts nutzt juristische Schlupflöcher, um Frauen eine Abtreibung zu ermöglichen. Wie beispielsweise 2017 in Mexiko, als sie mit einem Boot in internationale Gewässer fuhr, damit die Gesetze Mexikos nicht mehr greifen.

(Foto: Fabio Nascimento; Women on waves)

In Polen haben Sie sogar eine Drohne benutzt, um von deutscher Seite über die Grenze Pillen zu liefern. Auch da gab es viel Kritik und mehrere Anzeigen.

Die wurden aber mittlerweile alle fallengelassen. Wir wollten mit dieser Aktion auch nur zeigen, dass ein paar Meter in der EU einen großen Unterschied machen: Auf deutscher Seite bleiben Abtreibungen straffrei, auf polnischer hingegen nicht.

Aber auch in Deutschland gibt es immer wieder Diskussionen. Beispielsweise wird gefordert, das sogenannte Werbeverbot abzuschaffen, das Ärzten verbietet, Informationen im Internet über Abtreibungen anzubieten.

Ja, selbst in Deutschland oder in meiner Heimat den Niederlanden müssen Frauen oft Hürden überwinden, um eine sichere Abtreibung vorzunehmen. Wir bekommen immer wieder Anfragen für unseren Pillenservice aus Deutschland - beispielsweise weil die nächste Abtreibungsklinik mehrere Stunden Autofahrt entfernt ist.

Mittlerweile setzen Sie sich seit mehr als 20 Jahren für das Recht auf Abtreibung ein. Warum?

Strikte Abtreibungsverbote verhindern keine Abtreibungen - aber sie erzeugen soziale Ungerechtigkeit. Während die arme Frau ihr Leben riskiert und manchmal auch verliert, weil sie eine ungewollte Schwangerschaft beenden möchte, hat eine reiche Frau meist kein Problem, die notwendige Versorgung zu bekommen.

Das erste Mal richtig in Berührung mit illegalen Abtreibungen bin ich als 27-jährige Assistenzärztin bei einem Praktikum im afrikanischen Guinea gekommen. Da wurden mehrfach schwer blutende Frauen eingeliefert, halbtot, weil sie mit den gefährlichsten Mitteln versucht haben, ihre Schwangerschaft zu beenden. Ich war so schockiert, als ich erfuhr, dass sie sich aufgrund der Gesetze in solche Gefahr begeben. Dagegen muss ich einfach ankämpfen. Und ich höre erst auf, wenn jede Frau in jedem Land Zugang zu einer sicheren Abtreibung hat.

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