Integration Sein Buch ist seine Waffe

Kämpfte Jahrzehnte gegen Windmühlen: Der Migrationsforscher Klaus Bade

(Foto: imago stock&people)

Von der "Gastarbeiterfrage" zur "Flüchtlingskrise": Der Migrationsexperte Klaus J. Bade hat ein beeindruckendes Standardwerk für jeden geschrieben, der sich mit Migration, Flucht und Integration beschäftigt.

Von Heribert Prantl

Vor zwanzig Jahren, am Rande einer Tagung über Integration, kam es zu einem Disput zwischen dem Migrationsforscher Klaus Bade und einem älteren Herrn. Der ältere Herr war ein ehemals leitender Beamter aus dem Bundesministerium des Inneren, der sich mit den Worten vorstellte: "Ich habe Anfang der Achtzigerjahre alles verhindert, was Sie damals gefordert haben."

Er meinte die Forderung Bades an die Politik, endlich zu begreifen, dass Deutschland auf dem Weg zum Einwanderungsland sei und deshalb Konzepte für eine Einwanderungs- und Integrationspolitik entwickelt werden müssten.

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Der ältere Herr stellte - so erinnert sich Bade - mit anhaltender Genugtuung fest, dass er da ganz anderer Ansicht gewesen sei und man deshalb im Ministerium auch keine Konzepte entwickelt habe, um den Irrweg nicht auch noch zu pflastern. Bade erwiderte darauf, dass dieser ja mit seiner Verhinderungspolitik sehr erfolgreich gewesen sei.

Der Ex-Beamte nahm das vergiftete Lob wohlwollend zur Kenntnis. Als Bade ihn nun fragte, wer denn nun, rückblickend betrachtet, mit seinen Einschätzungen wirklich recht gehabt habe, das Ministerium oder die Migrationsforschung, reagierte der Ex-Beamte einlenkend und entrüstet zugleich: "Sie, Herr Bade, hatten wohl recht - aber das konnten Sie doch damals gar nicht wissen!"

Aggressive Gehässigkeit, wie die einer Rechtsaußen-Partei

Klaus Bade selbst weiß nicht so recht, ob er über diese Szene lachen oder weinen soll. "Deutschland ist kein Einwanderungsland": Er hat ja gegen diese Lebenslüge der deutschen Politik angeschrieben wie kaum ein anderer damals.

Damals - das war die Zeit, die er als "verlorenes Jahrzehnt" bezeichnet, es war die Zeit, in der die Regierungspolitik von Helmut Kohl und das Bundesinnenministerium meinten, es sei die Einwanderung nicht existent, wenn man sie einfach nicht zur Kenntnis nehme. Damals, unter der Ägide des Bundesinnenministers Friedrich Zimmermann (CSU), schrieb wohl der ältere Herr an einem Gesetzentwurf mit, der davon ausging, dass deutsche Interessen nur gegen Einwanderer durchgesetzt werden können.

Deutschland war ein Einwanderungsland ohne Einwanderungspolitik, aber mit viel aggressiver Gehässigkeit - die bis heute immer wieder hochkocht. Der genannte Gesetzentwurf vom 1. Februar 1988 formulierte Sätze, mit denen man heute das Programm einer Rechtsaußen-Partei schreiben könnte. "Die Zuwanderung von Ausländern", hieß es da, sei der "Verzicht auf die Homogenität der Gesellschaft ... die gemeinsame deutsche Geschichte, Tradition, Sprache und Kultur verlören ihre einigende und prägende Kraft."

Nur langsam löste sich die Politik von so nationalstaatlichen Tönen - so langsam, dass Klaus Bade noch in den Nullerjahren seine Vorträge mit der spitzen Bemerkung beginnen konnte, dass er einen ruhigen Job habe - es ändere sich nämlich seit Jahrzehnten nichts, er könne immer die gleichen Vorträge halten.