IG-Bau-Chef Wiesehügel Brachialkritik zum Abschied

Im Herbst will Klaus Wiesehügel Arbeitsminister werden: Die SPD wollte ein Signal an die Arbeitnehmer setzen, als sie ihn in Steinbrücks Schattenkabinett berief. Doch nun rechnen zahlreiche Gewerkschafter massiv mit ihrem scheidenden IG-Bau-Chef ab.

Von Detlef Esslinger

Der Chef der IG Bau, Klaus Wiesehügel, wurde ins Schattenkabinett von Peer Steinbrück aus einem besonderen Grund berufen. Nach dem Streit um Agenda 2010 und Rente mit 67 wollte die SPD ein Signal an die Gewerkschafter unter der Wählerschaft setzen: Seht her, Sozialdemokraten und Gewerkschaften haben sich versöhnt; wir wollen jetzt sogar einen von euch zum Arbeitsminister machen.

Die Gefechte, die aber gerade innerhalb der IG Bau geführt werden, legen nun die Frage nahe: Wie viele Gewerkschafter eigentlich hielten einen Minister Wiesehügel für eine überzeugende Idee?

Anfangs ging es in der Organisation, deren volle Bezeichnung "Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt" lautet, nur darum, wer beim Gewerkschaftstag im September - knapp zwei Wochen vor der Wahl - zum Nachfolger von Wiesehügel gewählt werden soll. Der scheidende Chef ist seit 1996 im Amt, setzt aber nun darauf, von der SPD nach der Wahl als Arbeitsminister durchgesetzt zu werden; in welcher Koalition auch immer.

Er wollte, dass Dietmar Schäfers ihm nachfolgt, Vize und zugleich enger Freund. Im Gewerkschaftsbeirat Mitte Juni setzte sich jedoch der andere Vize, Robert Feiger, mit 33 zu 27 Stimmen durch. Auch über die weiteren Vorstandsposten gab es Kampfabstimmungen; sie endeten damit, dass in einer Organisation mit einem Frauenanteil von 30 Prozent ausschließlich Männer nominiert wurden.

Auf SZ-Anfrage erklärte Wiesehügel anschließend, dies sei "schwer auszuhalten". Er werde sich dafür einsetzen, dass doch noch eine Frau in den Vorstand kommt. Damit löste er eine Debatte aus, in der es um weit mehr als nur um die Besetzung von Vorstandsposten geht - sondern insgesamt darum, in welchem Zustand Wiesehügel die Organisation hinterlässt.

"Leider ist ein offenes Wort nicht immer gefragt"

Die IG Bau ist bereits als solche Ausdruck der großen Krise, in die viele Gewerkschaften Mitte der Neunzigerjahre stürzten. Wegen starker Rückgänge bei den Mitgliedern fusionierten 1996 die IG Bau-Steine-Erden und die Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft. Damals hatte die IG Bau 720.000 Mitglieder, Ende vergangenen Jahres nicht einmal mehr halb so viele.

Am Donnerstag verschickte eine Gruppe, die anonym bleiben will und nach eigenen Angaben aus "ehren- und hauptamtlichen Funktionären" besteht, einen "Brandbrief" an die "lieben Kolleginnen und Kollegen", in dem sie schreibt: "Unsere Organisation sieht sich in ihrer Existenz bedroht." Nun kann man sich natürlich fragen, was davon zu halten ist, dass anonym zur Diskussion aufgerufen wird. Entweder sind in der IG Bau Hasenfüße beschäftigt, oder es ist dort so, wie die Verfasser es ausdrücken: "Leider ist ein offenes Wort nicht immer gefragt."

Den Eindruck bestätigen andere Mails aus den vergangenen Tagen, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen. Da schrieb eine Frau, die über sich nur verriet, Mitglied des Bundesfrauenvorstands zu sein, am 11. Juli an die anderen Mitglieder des Gremiums: Es gebe "massive Versuche", sie auf eine Kandidatin festzulegen - nämlich auf Ulrike Laux-Harnack, eine Mitarbeiterin von Wiesehügel, die der scheidende Chef nun als Vertreterin der Frauen in den Vorstand hieven will; entgegen anderer Präferenzen unter den Frauen.

Von "unerträglichem Druck" in der Frage ist auch die Rede in einer Mail von Iris Santoro, Vorsitzende der Bundesfachgruppe Gebäudereiniger, an das scheidende Vorstandsmitglied Bärbel Feltrini. "Ich hatte mich sehr gefreut, zum Gewerkschaftstag fahren zu dürfen, weil ich mir eingebildet habe, Mitglied einer demokratischen Organisation zu sein", schrieb Santoro. "Inzwischen drängt sich mir ein ganz anderer Eindruck auf."