Horst Köhler schmeißt hin Köhler wollte geliebt werden

Als er wirklich Mut hätte zeigen können, bei der Begnadigung langjährig inhaftierter Terroristen, traute er sich nicht. Köhler wollte geliebt werden - und als er sich darüber grämte, diese Liebe nur bei der Bevölkerung, nicht aber in der Politik zu finden, verspielte er zuletzt auch die Liebe der Bevölkerung. Dieser Präsident war ein Paradoxon - scheu und keck zugleich. Er vereinte das Ungelenke mit dem Schelmischen, und er band das zusammen mit seinen Wortschleifen. Auf der letzten Schleife steht nun: Ich bin als Bundespräsident gescheitert. Sein Rücktritt ist lafontainesk.

"Ich bin erschüttert"

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Köhler hat es gehasst, mit Heinrich Lübke verglichen zu werden, mit dem zweiten Bundespräsidenten also, dessen Reden bisweilen körperliche Pein bereiteten. Nun wird sich Köhler diesen Vergleich gefallen lassen müssen: Lübke, in seiner zweiten Amtszeit ein schwerkranker Mann, verzichtete wenige Wochen vor dem offiziellen Ende auf die weitere Amtsausübung. Köhler tritt zurück aus gekränkter Ehre, aus Eitelkeit. Köhler war ein hungriger Präsident - hungrig nach Macht, Anerkennung, Respekt.

Zuletzt hatte er vor wenigen Wochen bei einem Festakt am Bundesverfassungsgericht darauf bestanden, den Saal nicht zusammen mit der Kanzlerin und den anderen Vertretern der Verfassungsorgane zu betreten. Er war einer, der die Gesten des Respekts einforderte. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass auch Lübke, wie Köhler, ein besonders politischer Präsident hatte sein wollen. Einer der berühmten Sätze Lübkes lautet so: ,,Ich will mich nicht in die Politik einmischen. Aber so einen unfähigen Kanzler wie Ludwig Erhard muss ich doch absetzen können.'' Dieses Wort aus der ersten Amtszeit fiel dann in der zweiten auf ihn selbst zurück. Wie Lübke hat Horst Köhler immer wieder angekündigt, die Kompetenzen des Amtes ,,ausschöpfen'' zu wollen. Nun hat er sie ausgeschüttet.

Horst Köhler hat seine Rolle gesucht und nicht gefunden. Auch in der großen Finanzkrise blieb er, der Spezialist, ein Tor. Er war ein Präsident Parzival. Am Anfang stand er in der politischen Szenerie wie der junge Parzival im Wald, nachdem er seine Mutter verlassen hatte. Er suchte seinen Weg, wirkte bescheiden (auch wenn er es eigentlich gar nicht war); das machte seinen Charme aus. Und er schien sich beim Reden regelrecht darüber zu wundern, dass so viele Leute zuhörten. Er mimte nicht den Mister Wichtig. Aber im Gegensatz zu Parzival reifte dieser Präsident nicht. Der Parzival der Sage war erst ein reiner Tor, dann wurde aus ihm ein wackerer Ritter. Im ersten Anlauf klappte die Sache mit dem Gral nicht so recht; er bekam eine zweite Chance. Horst Köhler bekam sie auch. Aber er fand mit der zweiten Chance noch weniger zu sich als mit der ersten.

Es ist schade, dass sein wenig rühmliches Ende auch sein Verdienste verdunkelt: Er war ein Präsident, der in seinen Reden zur Not Afrikas die Doppelmoral der Welthandelspolitik und die Abschottung der westlichen Märkte gegeißelt hat wie kaum ein anderer. Er war für Überraschungen gut. Seine letzte Überraschung war eine Enttäuschung. Bundeskanzlerin Angela Merkel hätte dem Land diese Enttäuschung erspart, wenn sie schon 2004 Wolfgang Schäuble nominiert hätte: einen echten Präsidenten.