Hohe Abbrecherquote in der Grundausbildung Wie die Bundeswehr Rekruten umwirbt

Rekruten sollen sich willkommen fühlen und täglich mindestens acht Stunden Schlaf bekommen: So stellt sich das Verteidigungsministerium die Grundausbildung in der Bundeswehr vor. Grund für die interne Dienstanweisung an die Ausbilder sind hohe Abbrecherquoten seit Aussetzung der Wehrpflicht. Doch der Erfolg der neuen Linie lässt auf sich warten.

Von Christoph Hickmann

Wer in der Bundeswehr gedient hat, dürfte vor allem die ersten Wochen als unangenehm in Erinnerung haben: Schlafentzug, brüllende Ausbilder, Dauerlauf im Dunkeln. Doch mit der Schinderei in karger Umgebung ist es offenbar vorbei.

"Die nächtliche Ruhezeit beträgt grundsätzlich acht Stunden. Ein Unterschreiten hat die Ausnahme zu bleiben", so steht es in einer Weisung, mit der das Verteidigungsministerium im vergangenen Jahr "Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Grundausbildung im Heer" angeordnet hat. Ziel sei, den Rekruten "vom ersten Tag an einen guten Eindruck vom Heer" zu vermitteln. Sie sollten "erkennen, dass sie bei uns willkommen sind".

Willkommen? Acht Stunden Schlaf? Hunderttausende ehemalige Wehrdienstleistende dürften da nachträglich neidisch werden - zumal die Truppe nun laut Weisung maximal zwei bis vier Rekruten je Stube unterbringen sollte, für deren Einrichtung "das beste verfügbare Mobiliar" zu nutzen sei. Dienstpläne seien so zu gestalten, "dass die Rekruten behutsam an die Belastungen des militärischen Alltags herangeführt werden". Dies setze "moderate" Dienstzeiten sowie "das Unterlassen überzogener Härten" voraus.

Die Zeiten haben sich eben geändert. Hätten die geschundenen Wehrpflichtigen einst die Wahl gehabt, hätten sich die meisten sofort verabschiedet. Mittlerweile gibt es keine Wehrpflicht mehr, dafür, neben den Zeit- und Berufssoldaten, "Freiwillig Wehrdienstleistende", die sich für eine Dauer von sieben bis 23 Monaten verpflichten. Während des ersten halben Jahres können sie ihren Dienst jederzeit abbrechen - und machen von diesem Recht kräftig Gebrauch: 27,7 Prozent der sogenannten FWDLer, so erfuhr man vor einem Jahr, seien während der Probezeit ausgeschieden, und zwar ganz überwiegend auf eigenen Wunsch.

Manche Ausbilder fühlen sich noch "einer alten Schule verpflichtet"

Offenbar setzte daraufhin das Nachdenken ein, wie man es dem Nachwuchs künftig angenehmer machen könnte, jedenfalls gab das Verteidigungsministerium kurz danach seine vertrauliche Weisung heraus. Nur der Erfolg lässt auf sich warten: Inzwischen liegt die Abbrecherquote laut Ministerium bei 30,4 Prozent.

Dabei muss die Bundeswehr um Nachwuchs kämpfen, ohne Wehrpflicht und in Zeiten demografischen Wandels mehr denn je. "Ob Rekruten von ihrem Kündigungsrecht Gebrauch machen, hängt auch davon ab, ob der Dienst ihren Vorstellungen und Erwartungen entspricht und sie sich angemessen behandelt fühlen", sagt Hellmut Königshaus (FDP), der Wehrbeauftragte des Bundestags. Manche Ausbilder aber fühlten sich noch "einer alten Schule verpflichtet" und hätten Sorge, dass die Soldaten "nicht ausreichend an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit herangeführt werden".

Dem wollte das Haus von Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) offenbar möglichst früh entgegenwirken: Schon das erste Anschreiben habe "freundlich" zu sein, später seien die "Maßstäbe zeitgemäßer Menschenführung und angemessener Umgangsformen" zu beachten, um eine "sachgerechte, attraktive" Grundausbildung sicherzustellen. Fehlte eigentlich bloß noch die Anweisung, auch kulinarisch den Wünschen der Rekruten gerecht zu werden. Möglichst à la carte.

Einmal husten, bitte!

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