Auswärtiges Amt: Umgang mit der NS-Zeit Der Muff von 60 Jahren

Der Bericht zur Rolle des Auswärtigen Amtes bei der Judenvernichtung und zum Umgang mit den Tätern nach dem Krieg ist erschütternd. Es passt, dass die Aufarbeitung auch ein Verdienst des früheren 68ers Joschka Fischer ist.

Von Johannes Aumüller

Es ist natürlich einer Reihe von Zufällen geschuldet, dass diese Sache jetzt so rund daherkommt. Dass nun, wo der erschütternde Bericht der Historikerkommission über die Rolle des Auswärtigen Amtes bei der Judenverfolgung und über die reibungslose Reintegration seiner Mitarbeiter in den diplomatischen Dienst der jungen Bundesrepublik vorliegt, gesagt werden kann: Ausgerechnet der frühere 68er Joseph Martin Fischer, der auf den Straßen Frankfurts gegen das Schweigen seiner Vätergeneration ankämpfte, hat mit einer schnellen Anordnung am Schreibtisch diesen Kampf mit 30 Jahren Verzögerung noch einmal geführt - und gewonnen.

Joschka Fischer gab 2005 den Auftrag für eine Historikerkommission über die Geschichte des Auswärtigen Amtes.

(Foto: dpa)

Denn was wäre gewesen, wenn der Generalkonsul Dr. Franz Nüßlein nicht 2003 in Fischers Zeit als Außenminister gestorben und mit einem ausführlichen geschichtsklitternden Nachruf bedacht worden wäre, sondern ein paar Jahre vorher oder nachher?

Dann wären der leidenschaftliche Brief der früheren Dolmetscherin Marga Henseler über die Nazi-Vergangenheit des Verstorbenen ans Auswärtige Amt und die Beschwerde an Kanzler Gerhard Schröder über die unbefriedigende Antwort auf das erste Schreiben nicht bei Fischer gelandet, sondern bei Klaus Kinkel oder Frank-Walter Steinmeier. Und der Machtpolitiker Fischer muss sich wohl auch die Frage stellen lassen, ob er mit ähnlichem Eifer bei der Sache gewesen wäre, wenn ihm nicht gerade die Visa-Affäre beharrlich zugesetzt hätte?

Jedenfalls gebührt Joschka Fischer nun das Verdienst, die Aufarbeitung der bis dahin nur unzulänglich bekannten und zusammengefassten Geschichte des Auswärtigen Amtes ins Rollen gebracht zu haben. Denn als ihm Gerhard Schröder den Brief von Marga Henseler zeigte, in dem sich diese sehr enttäuscht darüber äußerte, dass ausgerechnet Joschka Fischer einem alten Nazi mit Blut an den Händen einen Nachruf gewährt habe, erließ er sofort ein Verdikt: Wer in der SA, der SS oder der NSDAP war, sollte keinen Nachruf mehr bekommen.

Doch diese ebenso logisch klingende wie moralisch korrekte Forderung löste mit etwas Verspätung eine große Aufregung aus - die sogenannte Nachrufaffäre. Denn kurz danach, im Jahr 2005, starb Franz Krapf, früher SS-Untersturmführer und Botschaftsmitarbeiter in Japan. Der Nachruf blieb entsprechend Fischers neuer Anweisung aus, doch nach wenigen Wochen zeigten sich einige "Mumien", wie ehemalige Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes genannt werden, erst verwundert und dann empört.

Dass es keine Nachrufe gab, hatte eine große Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 128 früheren Kollegen Krapfs zur Folge, darunter der ehemalige ZDF-Intendant Karl-Günther von Hase oder der als Sachbuchautor bekannte Erwin Wickert. Und auf die Anzeige wiederum reagierte Fischer mit dem Entschluss, eine unabhängige internationale Historikerkommission einzusetzen.

Und was die zu Tage förderte, ist nicht nur mit Blick auf die Weltkriegszeit erschütternd, sondern auch für die Jahrzehnte danach. Denn es geht nicht nur um das Verhalten zur Nazi-Zeit, sondern auch um die Vertuschung in der Zeit danach.

"Ein noch stärkerer Abrechnungsmodus"

Dank Fischers Auftrag und der Arbeit der Kommission ist nun allgemein bekannt, dass 1938 zur Grundausbildung der Attachés ein Besuch im KZ Dachau gehörte. Dass das Ministerium ein aktiver Unterstützer der NS-Vernichtungspolitik war. Dass manche bundesrepublikanische Diplomaten nur in arabischen Ländern eingesetzt werden durften. Dass das Archiv des Auswärtigen Amtes über all die Jahre ein Instrument blieb, um die gewünschte Geschichtstendenz bloß nicht zu torpedieren. Und dass in der Protokollabteilung des Ministeriums noch zu Fischers Zeiten ein Porträt des Prokollchefs von Hitlers Außenminister Ribbentrop hing.

"Ich las den Bericht und war zunehmend immer mehr entsetzt. Das Ausmaß und viele Details haben mich überrascht", sagte Fischer in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. "Das ist jetzt der Nachruf, den sie wollen." Der Bericht ist in gewisser Weise ein später Triumph. Doch weil aus Joschka, dem 68er, der sich in einem "Abrechnungsmodus" mit dem Establishment und der Vätergeneration befand, inzwischen Fischer, der Elder Statesman, wurde, gibt er sich ziemlich zurückhaltend.

"In dem Alter ist man sehr formbar, und die Nazis wussten, wie man die packt. Aber die kamen völlig desillusioniert aus dem Krieg zurück. Die haben das Grauen in jüngsten Jahren erlebt. Und diese Generation der 45er hat in Westdeutschland unsere Demokratie aufgebaut. Eine historische Leistung, das sollte man nicht vergessen", sagte er der FAS. "Aber dann ging es halt los. Das Leben war noch lang, und man konnte nicht einfach zu sich selbst sagen: Was waren wir doch für Schweine?"

Man mag sich gar nicht vorstellen, wie damals auf Frankfurts Straßen Joschka Fischers Reaktion gewesen wäre, wenn ihm diese Akten und Informationen damals vorgelegen hätten. "Dann wäre ich in einen noch stärkeren Abrechnungsmodus verfallen", sagte er.