Hillary Clinton bei CBS Clinton im Kuschelinterview

  • Dem Sender CBS hat Hillary Clinton das erste TV-Interview seit ihrer Wahlniederlage gegen Donald Trump gegeben.
  • Von einer kritischen Fehleranalyse kann seitens der Ex-Präsidentschaftskandidatin aber keine Rede sein.
Von Thorsten Denkler, New York

Hillary Clinton trägt immer noch einen Schutzpanzer. Zumindest ihrem Blazer nach zu urteilen, ein türkisfarbenes Monstrum. Der ist so hochgeschlossen, dass er stark an den Schutzkragen einer Ritterrüstung erinnert, der die Kehle vor Schwerthieben bewahren soll. Dabei ist das gar nicht nötig. Hiebe hat Clinton in diesem ersten TV-Interview seit ihrer Wahlniederlage gegen Donald Trump vor fast auf den Tag genau zehn Monaten kaum zu erwarten. Die Sendung "Sunday Morning", in der das aufgezeichnete Interview ausgestrahlt wird, gehört zum Sender CBS. Und Clintons Buchverlag, in dem kommende Woche ihre Wahl-Memoiren unter dem Titel "What happened" - also "Was passiert ist" - erscheinen, ist ein Tochterunternehmen von CBS. Das Interview führt die Moderatorin der Sendung, Jane Pauley, die sich eher im Kuschel-Spektrum auf der Bissigkeitsskala bewegt.

Clinton darf in dem Interview also recht unwidersprochen erklären, wie es ihr nach der Wahlniederlage ergangen ist. Das habe wehgetan, und es schmerze immer noch (ach). Und dass sie in den Wochen und Monaten danach lange gebraucht habe, um aus ihrem Loch wieder herauszukrabbeln. Ein Loch, in dem sie ihre Kleiderschränke aufgeräumt habe und mit den Hunden spazieren gegangen sei - was sie so erzählt, als habe sie beides seit Jahren nicht mehr gemacht. Das sind Einlassungen auf Merkel-Niveau. Die Kanzlerin hat ja erst kürzlich der Welt mitgeteilt, dass sie Kartoffeln immer noch stampfe, statt sie für ihre Kartoffelsuppe zu Brei zu mixen. Weil dann noch Stückchen zu schmecken seien.

Clinton räumt in dem Interview nur Unvermeidliches ein. "Ich habe es nicht geschafft. Und damit muss ich leben für den Rest meines Lebens." Oder: "Ich habe sicher ein paar Chancen nicht genutzt." Was lässt sich dagegen schon sagen. Sie hat es ja ganz offensichtlich nicht ins Weiße Haus geschafft.

Interessanter ist da die Selbstbeobachtung, dass sie sich gefühlt habe, als "hätte ich alle hängengelassen". Was ist denn nun der größte Fehler, den sie gemacht hat? Worin genau liegt ihre Verantwortung?

Clintons Erzählung: Die E-Mail-Affäre habe sie den Sieg gekostet

Was kommt, muss jeden enttäuschen, der sich mit der Wahlniederlage von Clinton genauer befasst hat. Ihr größter Fehler sei ihr Umgang mit dienstlichen E-Mails gewesen, die sie über einen privaten E-Mail-Server in ihrem Keller hat laufen lassen. Sagt sie. Elf Tage vor dem Wahltag erklärte der damalige FBI-Chef James Comey halböffentlich, er werde sich neue aufgetauchte Mails genauer ansehen. Mails, die sich als völlig irrelevant herausgestellt haben. Aus Clintons Sicht aber erweckte Comey den Eindruck, das FBI wolle die Ermittlungen gegen sie wiederaufnehmen, die es doch im Sommer erst für unnötig erklärt hatte.

Ihr "Momentum" sei damit vorüber gewesen, das habe ihrer Kampagne das Genick gebrochen, sagt sie jetzt. Das ist ihre Erzählung. Die E-Mail-Affäre und vor allem James Comey hätten sie den sicher geglaubten Wahlsieg gekostet.

Was Clinton und auch die CBS-Moderatorin völlig ausblenden ist, dass Clinton die Wahl mit drei Millionen Stimmen mehr als Trump abschloss. Das ihr aber am Schluss nur knapp 80 000 Stimmen in den einst demokratischen Staaten Wisconsin, Michigan und Pennsylvania gefehlt haben, um die Mehrheit im alles entscheidenden Wahlmänner-Gremium zu bekommen. Insgesamt 80 000 Stimmen in drei Staaten, die Clinton für derart sicher gehalten hat, dass sie dort so gut wie keinen Wahlkampf gemacht hat. Obwohl zumindest Michigan und Wisconsin seit 2011 wieder von republikanischen Gouverneuren regiert werden. Trump war da. Mehr als einmal. Reporter berichteten, die Staaten seien zugepflastert gewesen mit Trump-Plakaten. Nur Clinton-Schilder hätten sie nicht gesehen.

Die Bundesstaaten, die der Republikaner Trump knapp gewann, gehören zum Rust Belt, dem Rostgürtel der USA. Rost, weil dort früher Stahl- und Kohleindustrie groß waren. Und jetzt eben nicht mehr. Rost, weil die Zustände dort sind, wie sie im Ruhrgebiet wären, wenn es dort keinen Strukturwandel gegeben hätte. Nicht, dass das Ruhrgebiet keine Probleme hätte. Aber dort wird zumindest versucht, neue Industrien über Tage und ohne Hochofen anzusiedeln.

Das haben die Demokraten im Rust Belt versäumt, das hat Trump-Vorgänger Barack Obama nicht mal versucht. Und Clinton hat den jetzt arbeitslosen Ex-Kohle- und Stahlarbeitern kaltherzig erklärt, ihre Jobs kämen nicht wieder. Aber sie könnten ja jetzt Windkraft-Anlagen bauen. Keine völlig absurde Idee. Aber damit hätten die Demokraten Jahre vorher anfangen können. Und nicht jeder Kumpel wird von heute auf morgen ein Maschinenbauer. Wenn Clinton Fehler finden will, hier könnte sie anfangen zu suchen.

Stattdessen erklärt sie, dass sie vielleicht nicht aggressiv genug gewesen sei im Wahlkampf. Dass sie zu sehr versucht habe, die Probleme der Menschen zu lösen. Während Trump in seiner andauernden Reality-Show die Ängste und die Wut der Menschen noch geschürt habe. Und dass sie vielleicht der Wut mehr Raum hätte geben müssen. Da verpackt sie in angeblicher Selbstkritik ein gutes Stück Selbstlob.

Clinton will keine Fehler analysieren

Clinton, das wird in ihrem TV-Auftritt deutlich, will keine Fehler analysieren. Sie sorgt sich um ihren Platz in den Geschichtsbüchern. Sie hat die Wahl gegen den Mann verloren, den keiner ernsthaft für fähig halten konnte, das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten verantwortungsvoll zu führen. Nach mehr als einem halben Jahr im Amt, haben sich die schlimmsten Befürchtungen auf wenig überraschende Weise bestätigt.

Wenn sie sich etwas vorwerfen kann, dann nicht, dass sie die Wahl verloren hat. Sondern, dass sie nicht alles gegeben hat, dass Trump die Wahl nicht gewinnt. Stattdessen tritt sie jetzt noch gegen ihren innerparteilichen Kontrahenten Bernie Sanders nach. Seine Angriffe auf sie hätten verhindert, dass die Demokratische Partei geeint in den Wahlkampf ging, sagt sie in dem Interview. Gut, dass sie sich auf CBS hat befragen lassen. Woanders hätte womöglich jemand nachgefasst.