Herta Müller und Oskar Pastior Der verstrickte Gefährte

Er arbeitete an ihrem Roman "Atemschaukel" mit, für den sie den Nobelpreis erhielt, doch jetzt kommt heraus: Herta Müllers Freund, der Lyriker Oskar Pastior, spitzelte für den rumänischen Geheimdienst Securitate.

Von C. Schmidt und L. Müller

Als die deutsche Schriftstellerin Herta Müller, die 1953 in Nitzkydorf in Rumänien geboren wurde, im vergangenen Jahr den Nobelpreis erhielt, war kurz zuvor ihr Roman Atemschaukel erschienen. Thema des Buches ist die Deportation Tausender Rumäniendeutscher in sowjetische Arbeitslager im Januar 1945, nachdem Rumänien kapituliert hatte. Das Einzelschicksal, das Herta Müller in den Mittelpunkt ihres Romans stellte, war das ihres Schriftstellerkollegen und Freundes Oskar Pastior (1927-2006). Mit ihm gemeinsam hatte sie die Arbeit an dem Buch begonnen, das sie nach seinem Tod allein vollendete.

Für ihren Roman "Atemschaukel" gewann Hertha Müller den Nobelpreis, im Mittelpunkt des Buches steht das Schicksal ihres Kollegen Oskar Pastior. Doch ihr Freund war wohl für den Geheimdienst tätig.

(Foto: dpa)

Nun hat der Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, Stefan Sienerth, die schriftliche Erklärung entdeckt, mit der sich der junge Oskar Pastior verpflichtete, als "IM Stein Otto" für den Geheimdienst Securitate tätig zu werden. Sienerth hat auch herausgefunden, wie es dazu kam: Demnach war Pastior unter anderem wegen einiger antisowjetischer Gedichte, die er während seiner Gefangenschaft geschrieben hatte, ins Visier der Securitate geraten. Am 8. Juni 1961 wurde ihm dann die Zusage zur Mitarbeit abgenötigt.

Im April 1969 wurde er aus dem Agentennetz entlassen. Pastiors IM-Tätigkeit ist Gegenstand eines Vortrags, den Stefan Sienerth am Sonntag in Jena halten wird. Zwar hat der Wissenschaftler nur einen einzigen Bericht gefunden, in dem Pastior eine Person belastet. Aber "in all diesen Jahren lässt sich kein einziger Versuch Pastiors verzeichnen, dem rumänischen Geheimdienst die Mitarbeit aufzukündigen, irgendetwas zu unternehmen, um sich von dieser seelischen Last zu befreien", schreibt er in dem Manuskript.

Die Bücher von Herta Müller erscheinen wie die gesammelten Werke von Oskar Pastior im Carl Hanser Verlag in München. Dem Verleger Michael Krüger, in dessen Wohnung er nach der Ausreise aus Rumänien für einige Zeit Unterkunft fand, hat Pastior häufig von seiner Lagerzeit und der Rückkehr nach Rumänien erzählt. "Es stand dabei stets", so erinnert sich Krüger heute, "ein Motiv im Vordergrund: die Angst Pastiors, dass seine Homosexualität publik gemacht und er den gängigen Repressalien ausgesetzt werden würde." Die Angst des Homosexuellen und die Angst des aus der Deportation Zurückgekehrten, wieder in Haft zu müssen, dürften den jungen Oskar Pastior zu einem idealen Erpressungsopfer der Securitate gemacht haben.

Solange sich keine Denunziationen durch Pastior nachweisen ließen, gilt für Krüger die Unschuldsvermutung. In diesem Sinne habe sich, so Krüger, auch seine Autorin Herta Müller geäußert. In der Donnerstagsausgabe der rumänischen Zeitung Romania libera beklagt sie erneut die Verstrickungen von Schriftstellern mit dem damaligen Geheimdienst Securitate. "Keiner hat aus freien Stücken zugegeben, dass er Informant war", sagte Herta Müller, die am 27. September in Bukarest aus ihrem preisgekrönten Roman Atemschaukel lesen wird.

Es hat im vergangenen Jahr mehrere Enttarnungen von Autoren aus dem Umkreis der oppositionellen "Aktionsgruppe Banat" gegeben. Der hervorstechendste Fall ist der des Lyrikers Werner Söllner, der auf einer Tagung in München Ende 2009 seine Tätigkeit für die Securitate öffentlich bekannte. Sienerth zufolge ist im Fall Pastior bisher nicht absehbar, wie weit dessen Mitarbeit reichte.