Guttenberg-Affäre Verhasster Enthüller

Rechtsprofessor Andreas Fischer-Lescano brachte Guttenbergs Plagiatsaffäre ins Rollen. Die Ereignisse überrollten auch ihn: Der Jurist fühlt sich beobachtet - und wird mit Hassmails überschüttet.

Von Roland Preuß

Andreas Fischer-Lescano ist der große Unbekannte geblieben. Er hat in den zwei Wochen ein paar Zeitungsinterviews gegeben, die mit einem alten Porträtfoto garniert wurden, die ARD durfte ihn entfernt auf einer Brücke filmen. Mehr gibt es nicht. Das ist nicht viel für die Schlüsselfigur der Guttenberg-Affäre, ohne die Plagiatsfunde des Bremer Juraprofessors wäre der ehemalige Verteidigungsminister noch im Amt. Es reicht allerdings, ihn zum Zentrum von Verschwörungstheorien zu machen, die ihn als linken Denunzianten darstellen, der den beliebtesten Politiker des Landes zu Fall gebracht hat. Der Titel als meistgehasster Professor ist ihm sicher. "Hoffentlich läufst Du Arsch mal vors Auto", heißt es in einer der Hunderten Hassmails an ihn.

Die Geschichte des Professors ist die eines Enthüllers, der mit seinem Fund fremdelt, der zwar die Türe geöffnet hat zu einem Reich von Täuschung und Lüge, aber lieber am Eingang verharrt, um sich nicht in diesem Reich zu verirren.

Fischer-Lescano wehrt sich nicht gegen das Etikett "linker Professor". Sogar sein Wohnort passt dazu: das Sarrazin'sche Schreckviertel, Berlin-Neukölln. Er lebt gern dort. An der Ecke kostet der Gemüsekebab 1 Euro 50, die Haustüren sind verschmiert mit Edding-Hieroglyphen. Oben serviert der Herr Professor Jogi-Tee in bunten Streifenschälchen. Es tue ihm leid, dass er keine Kekse habe, sagt er. "Schreiben Sie ja nicht, dass ich ein schlechter Gastgeber bin." Eigentlich hat Fischer-Lescano andere Probleme, der große Mann in Jeans und Pullover sieht müde aus, die Augenringe jedenfalls sind für einen 38-Jährigen zu dunkel. Er hat viel erklären müssen die vergangenen zwei Wochen: Warum nimmt sich ein Professor jetzt eine Dissertation aus dem Jahr 2009 vor? Warum hat er sie auf Plagiate geprüft? Und kann es Zufall sein, dass ausgerechnet ein Linker diese Entdeckung macht?

Fischer-Lescano kennt die Vorwürfe. Er lehnt sich auf seinem weißen Holzstuhl nach vorne, schaut links am Gegenüber vorbei, dann kommen die Worte schleppend, aber präzise. "Das Thema Verfassung und ihre Bedeutung jenseits des Staates beschäftigen mich seit Beginn meiner Dissertation 2001." Er habe Guttenbergs Promotion über die Verfassungsentwicklung in der EU und den USA aus "wissenschaftlichem Interesse" zur Hand genommen, hatte Fischer-Lescano der SZ nach seiner Entdeckung gesagt.

Die Liste seiner Veröffentlichungen zeigt zumindest, dass die Arbeit in sein Fachgebiet fällt. In diesem Semester bot er ein Seminar zu "Verfassungen jenseits des Nationalstaates" an. Dass Professoren vom Fach Plagiate entdecken, ist durchaus üblich, das zeigen Gerichtsurteile. Die Forscher kennen die einschlägigen Texte am besten. Fischer-Lescano räumt ein, dass er vorhatte, Guttenbergs Arbeit in einer Rezension zu zerpflücken. "Ich wollte Gegenthesen zu seinem konservativen Verfassungsdenken entwickeln." Die Arbeit erschien ihm inhaltlich schwach und sprunghaft im Stil.

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