Grüne und Pädophilie-Vorwürfe Falsch verstandene Toleranz

Die Grünen sind spät dran. Erst jetzt, wo wieder mal heftig über Daniel Cohn-Bendits Hosenlatz-Episode diskutiert wird, will die Partei vergangene Positionen zu Pädophilie untersuchen lassen. Das hätte sie schon früher tun müssen, um glaubwürdig zu sein.

Ein Kommentar von Tanjev Schultz

Die Grünen sind gerne sofort dabei, wenn irgendwo für eine gute Sache gekämpft wird. So war es auch vor drei Jahren, als viele Opfer ihr Schweigen brachen und über die sexuelle Gewalt sprachen, die sie in Einrichtungen der Kirche oder in der reformpädagogischen Odenwaldschule erlitten hatten. Den Grünen konnte es gar nicht schnell genug gehen mit der Aufarbeitung. Fraktionschefin Renate Künast verlangte damals ein Ende der "Wagenburgmentalität"; denn nicht die Institutionen würden Schutz und Hilfe benötigen, sondern die Kinder. Was aber war mit der eigenen Partei? Sind die Grünen denn keine Institution, die etwas aufzuarbeiten hat?

Erst jetzt, nachdem ohne großes Zutun der Grünen mal wieder über Daniel Cohn-Bendits Hosenlatz-Episode diskutiert worden ist, will die Partei ihre Vergangenheit untersuchen lassen. Das hätte sie schon früher tun können, ja tun müssen, um glaubwürdig zu sein. So sind die Grünen unnötig in den Ruch gekommen, den auch die Kirche und die Odenwaldschule umgab: den Ruch des Verschweigens und Vertuschens. Das haben die Grünen schon deshalb nicht nötig, weil die Aktivisten, die in den Achtzigerjahren Pädophilie propagierten (in Wahrheit: Pädokriminalität), dies völlig offen und in jeder Hinsicht schamlos tun konnten. Am Ende gelang es ihnen glücklicherweise nicht, Mehrheiten zu gewinnen und den Kurs der Grünen nachhaltig zu prägen.

Kein Dachverband der Kinderschänder

Die Partei ließ aber, ebenso wie manche linke Zeitschrift, Debatten zu, die sie heute zu Recht sofort unterbinden würde. Man wollte frei und ungezwungen sein, und mit solchen Vokabeln verschleierten die "Pädo-Aktivisten" das Ungleichgewicht der Macht zwischen Kindern und Erwachsenen. Schon damals gab es dagegen im linken Lager Protest, auch bei den Grünen. Doch manche ließen sich blenden von der Idee, man müsse die Kinder von Bevormundung befreien. Viele waren angewidert von der Prüderie ihrer Eltern, die noch kontrolliert hatten, ob ihre Kinder brav die Hände über die Bettdecke legten. Die Befreiung der kindlichen Sexualität und die Emanzipation der Schwulen waren die Stichworte, die dann auch Pädokriminelle auf ihre Fahnen pinseln konnten, um ihre Interessen in die grüne Bewegung zu tragen, ohne sofort rauszufliegen. Ende der Achtzigerjahre hatte dieser Spuk ein Ende.

Die Grünen sind nicht gleichzusetzen mit einem Internat, in dem Lehrer sich an Kindern vergingen. Es ging bei den Grünen - schlimm genug - um offene Lobby-Arbeit von Gruppen wie den "Stadtindianern", die in bunten Farben auftraten und Sex mit Kindern als vermeintlich harmlose, lebenslustige Sache darstellten. Die Grünen haben sich das nie als gesamte Partei zu eigen gemacht, sie waren kein Dachverband der Kinderschänder. Doch die Partei hat, soweit man das rückblickend schon sagen kann, lange Zeit ziemlich viel geduldet und vielleicht sogar gefördert, das keinerlei Toleranz verdient. Es ist notwendig, dass sich die Grünen diesem Teil ihrer Geschichte stellen.