Großbritannien Zwei weitere Festnahmen nach Anschlag von London

Nach dem Anschlag von London laufen nun die Ermittlungen.

(Foto: REUTERS)
  • Nach dem Anschlag in London hat die britische Polizei in der Nacht auf Freitag zwei weitere Personen festgenommen.
  • Das vierte Todesopfer des Attentäters ist ein 75-jähriger Mann aus London.
  • Es gebe mindestens 50 Verletzte, teilt die Polizei mit, ein Opfer schwebe weiter in Lebensgefahr, zwei befänden sich in kritischem Zustand.

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" beansprucht die Urheberschaft des Anschlags von London für sich. Ein "Soldat" des IS habe die Operation ausgeführt, schreibt das IS-Sprachrohr Amaq unter Berufung auf nicht näher genannte Sicherheitskreise. Der Angreifer sei damit Aufrufen gefolgt, Bewohner von Staaten der internationalen Koalition anzugreifen.

Die Polizei veröffentlichte am Donnerstag einige Informationen über den mutmaßlichen, bei dem Anschlag ebenfalls getöteten Täter. Die Ermittler identifizierten ihn als Khalid Masood. Der 52-Jährige war demnach wegen verschiedener Straftaten, aber nicht wegen terroristischer Aktivitäten verurteilt worden. Er sei offensichtlich vom "internationalen Terrorismus inspiriert gewesen", so Scotland Yard. Trotzdem fahnde man nach möglichen Mitwissern oder Unterstützern. In der Nacht wurden sechs Wohnungen in London und Birmingham durchsucht, acht Personen wurden festgenommen. Sie werden verdächtigt, Terroranschläge vorbereitet zu haben. Wie und ob sie in Verbindung mit dem Täter stehen, ist derzeit nicht bekannt.

Was wir über den Täter von London wissen

Khalid Masood, geboren als Adrian Russell Ajao, war 52 Jahre alt. Die kriminelle Vorgeschichte des gebürtigen Engländers ist lang. Dem radikalen Islam soll er sich erst spät zugewandt haben. Von Benedikt Peters mehr ...

Am Freitagmorgen meldete die Polizei zwei weitere Festnahmen: Es handle sich um "bedeutsame" Festsetzungen in der Region um Birmingham im Nordwesten des Landes, sagte der Anti-Terror-Beauftragte Mark Rowly.

Viertes Opfer ist ein 75-jähriger Londoner

Masood sei in Kent geboren und habe in den West Midlands gelebt, einer Gegend um Birmingham. Der MI5, der britische Inlandsgeheimdienst, habe ihn vor Jahren schon einmal auf dem Radar gehabt, wegen des Verdachts auf gewaltbereiten Extremismus. Gegenwärtig habe er aber nicht mehr unter Beobachtung gestanden. Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag habe es nicht gegeben.

Am Tag nach der Tat, bei der vier Menschen getötet wurden, gab sich Premierministerin May kämpferisch. Der Terror werde Großbritannien nicht besiegen, sagte sie in einer Ansprache im Parlament. Bereits am Abend zuvor hatte die Premierministerin nach einem Treffen mit dem Sicherheitskabinett mitgeteilt, dass die Terrorwarnstufe trotz des Anschlags nicht erhöht werde. Den Anschlag bezeichnete sie als "krank und verkommen". Das Leben werde wie gewohnt weitergehen.

Und so machten sich die britischen Abgeordneten am Donnerstagmorgen ganz normal auf den Weg zur Arbeit ins Parlament. Viele von ihnen berichteten darüber in sozialen Netzwerken, um zu zeigen, dass sie sich vom Terrorismus nicht einschüchtern lassen. Um 9.33 Uhr lokaler Zeit gedachten sie der Opfer mit einer Schweigeminute, danach ging der Arbeitstag weiter.

Mehrmals lobte Regierungschefin May den Polizisten Keith Palmer, der von dem Angreifer niedergestochen wurde. Er habe sein Leben gelassen, um die Abgeordneten und sein Land zu schützen: "Er war mit jedem Zoll ein Held", sagt May, und die Abgeordneten antworten ihr mit dem für die britische Politik so charakteristischen "hear, hear" - "hört, hört".

Die Familie des 48-Jährigen veröffentlichte am Donnerstag eine Erklärung: "Keith wird als wunderbarer Vater und Ehemann in Erinnerung bleiben. Er war ein liebender Sohn, Bruder und Onkel - und ein langjähriger Unterstützer des Charlton Fußballclub." Er sei für jeden, der ihn kannte, ein Freund gewesen. Auf seine Arbeit als Teil der Parliamentary and Diplomatic Protection Command sei er stolz gewesen. Seinen Dienst dort hatte er vor knapp einem Jahr begonnen. Er hinterlässt eine Ehefrau und eine fünfjährige Tochter.

Unter den Verletzten ist auch ein Deutscher

Am Abend gab die Polizei den Tod eines weiteren Opfers bekannt. Demnach sei ein 75 Jahre alter Mann aus London seinen Verletzungen im Krankenhaus erlegen. Inzwischen kamen damit fünf Menschen bei dem Anschlags ums Leben. Darunter ist neben dem Polizisten, einer Frau und zwei Männern auch der Angreifer selbst. Es gebe mindestens 50 Verletzte, teilte die Polizei am Freitag mit, ein Opfer schwebe weiter in Lebensgefahr, zwei befänden sich in kritischem Zustand.

Unter den Betroffenen sind mindestens drei französische Schüler, zwei rumänische Staatsbürger und fünf Südkoreaner. Offenbar ist auch eine Deutsche unter den Verletzten.

Der Täter hatte am Mittwochnachmittag Menschen auf der Westminster-Brücke nahe dem Parlament mit einem Auto umgefahren. Anschließend verletzte er einen Polizisten mit einem Messer tödlich, bevor er selbst erschossen wurde. Der Anschlag von London wurde auf den Tag genau ein Jahr nach den Terrorattacken von Brüssel verübt, bei denen islamistische Selbstmordattentäter 32 Menschen mit sich in den Tod gerissen und mehr als 300 weitere verletzt hatten.

Hunderte Ermittler sind im ganzen Land im Einsatz, die Ermittlungen fokussierten auf das Motiv, die Vorbereitungen und mögliche Mitwisser. Die Polizei ruft Zeugen auf, Filmaufnahmen und Fotos an die Ermittler zu senden. Zugleich bat sie Augenzeugen um Zurückhaltung. Sie sollten keine Bilder und Videos von Verletzten in Umlauf bringen.

Beim letzten Terroranschlag in London hatten im Juli 2005 vier Selbstmordattentäter in der Londoner U-Bahn und einem Bus Sprengsätze gezündet. 56 Menschen starben, etwa 700 wurden verletzt.

Die scheinbar unbesorgte Stadt

Volle Pubs, gut gelaunte Jugendliche und furchtlose Touristen: Obwohl das Londoner Regierungsviertel nach den Anschlägen noch Sperrzone ist, geht das Leben drum herum munter weiter. Von Björn Finke, London mehr...