Großbritannien:Die scheinbar unbesorgte Stadt

Volle Pubs, gut gelaunte Jugendliche und furchtlose Touristen: Obwohl das Londoner Regierungsviertel nach den Anschlägen noch Sperrzone ist, geht das Leben drum herum munter weiter.

Von Björn Finke, London

Als sie merken, dass etwas nicht stimmt, gehen Bradford Buck und seine Frau Joanne schnell in Deckung. Die zwei Amerikaner sind am Samstag in London gelandet, ihr erster Urlaub im Vereinigten Königreich. An diesem Tag wollen sie nun Westminster Abbey besuchen, die Kirche neben dem Parlament. Sie fahren zur U-Bahn-Station Westminster. Am Ausgang sehen sie auf der anderen Straßenseite ein Auto, das in den Zaun des Parlaments gekracht ist. "Die Tür war weit offen, ein Mann lag daneben auf der Straße", sagt Bradford Buck. "Dann kamen viele Polizisten mit Maschinenpistolen angerannt. Ich habe Joanne sofort hinter einen Pfeiler gezogen." Kurz darauf hätten Polizisten sie und andere Passanten fortgejagt.

Das Touristenpaar steht nun an der Absperrung, die Polizisten an der Westminster Abbey errichtet haben. Die Ordnungshüter haben blau-weiß-gestreiftes Band quer über die Straße gespannt. "Police Line. Do not cross", also: Nicht betreten, steht darauf. Der Ort des Terroranschlags, bei dem am Mittwoch vier Menschen - inclusive des mutmaßlichen Attentäters - in der Nähe des britischen Parlaments getötet und etwa 30 verletzt wurden, ist weiträumig abgeriegelt. Vor dem Parlament und an der Westminster Abbey quetschen sich sonst Touristenmassen auf den Bürgersteigen. Jetzt sind jenseits des Absperrbandes nur Polizisten in ihren neongelben Jacken zu sehen.

Der Anschlag hat das Herz der britischen Hauptstadt, das politische Zentrum und die Pflichtstation für London-Touristen, in ein Sperrgebiet verwandelt.

Dann knallte das Auto in den Zaun des Parlaments

Am Himmel ziehen Hubschrauber dröhnend ihre Kreise. Die Abendsonne lässt den hellen Stein des Elizabeth Tower erstrahlen, des Turms am Parlament mit der berühmten Glocke Big Ben. Daneben ist in der Ferne London Eye zu sehen, das gigantische Riesenrad am anderen Themse-Ufer, fast auf Höhe des Tatorts. Doch das Rad steht still, die Polizei hat es stoppen lassen. Die Fahrgäste, die während des Anschlags um kurz nach halb drei in den Gondeln standen, wurden befragt; die Ermittler hoffen, dass Touristen die Angriffe vielleicht zufällig fotografiert haben.

Der Attentäter raste mit seinem Auto zunächst auf der Westminster Bridge, der Brücke am Parlament, auf den Bürgersteig, wo er Passanten und Polizisten erfasste. Dann knallte das Auto in den Zaun des Parlaments. Auf dem Gelände des Parlaments erstach der Täter einen Polizisten, bevor er erschossen wurde.

Die Westminster Bridge ist nun gesperrt. Allerdings stehen weiterhin - leere - Doppeldecker-Busse und Autos auf der Brücke. Sie fuhren dort, als die Polizei die Brücke sperrte, und bisher haben die Beamten sie noch nicht abtransportieren lassen.

Bei der Absperrung an der Westminster Abbey sind auf einmal laute Sirenen zu hören, Polizei-Motorräder und -Autos rasen heran. Die Absperrung wird für sie geöffnet, sie fahren herein. Die Reporter und Kameraleute, die vor dem Flatterband ausharren, schauen interessiert. Auch das amerikanische Ehepaar Buck, das so gerne die Westminster Abbey besuchen wollte, verfolgt das Geschehen.

"Angst haben wir nicht"

Die beiden wollen sich von dem Anschlag nicht den Urlaub vermiesen lassen. "Wir bleiben wie geplant bis Samstag in London", sagt Bradford Buck. Statt der berühmten Kirche am Parlament werde morgen eben Winston Churchills Kommandobunker aus dem Zweiten Weltkrieg besucht. "Angst haben wir nicht." Ein Passant, der die Unterhaltung verfolgt hat, mischt sich ein: "Ja, so reagiert man in diesem Land auf solche Anschläge: einfach weitermachen wie gehabt", sagt der Mann, offenbar Brite und offenbar sehr angetan von dem Stoizismus, mit dem seine Landsleute auf die Attacken antworten.

Wer sich ein, zwei Kreuzungen von den Absperrungen entfernt, würde tatsächlich nicht ahnen, dass diese Stadt gerade Opfer eines heimtückischen Anschlags geworden ist. Vor der U-Bahn-Station Embankment am Themse-Ufer spielt ein Trompeter eine bemerkenswert scheußliche Version des Schlagers "Quando, Quando, Quando", eine Gruppe bestens gelaunter Jugendlicher, wohl eine Schulklasse beim Ausflug nach London, strömt aus der Station. Die Straßen und Pubs sind voll. Auch die Einkaufshölle Oxford Street ist so überfüllt und unerträglich wie eh und je. Weder in den U-Bahnhöfen noch auf den Straßen sind ungewöhnlich viele oder ungewöhnlich martialisch bewaffnete Polizisten zu sehen.

Londoner, die im Parlament oder den Büros ringsherum arbeiten, dürfen den abgesperrten Bezirk verlassen, um abends heimzufahren. Auf der Straße Whitehall, direkt an dem bei Touristen sehr beliebten Kavallerie-Paradeplatz Horse Guards Parade, flattert das blau-weiße Absperrband im Wind. Auch hier stehen Journalisten und Touristen, sie schauen hinüber, in Richtung Parlament. Von dort spazieren Männer in schicken Anzügen und Frauen in noch schickeren Kostümen auf die Absperrung zu, heben sie an, gehen darunter hindurch und verschwinden schnell im Getümmel, ohne die Kamerateams eines Blickes zu würdigen. Nur schnell weg aus dem unheimlich leeren Regierungsviertel. Hinein ins scheinbar ungerührte, unbesorgte London jenseits der Sperrzone.

© SZ.de/fie/cat
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