Großbritannien und der Irak-Krieg Blair, der "Speichellecker"

Paukenschlag im Kritik-Crescendo: Ein Vertrauter von Tony Blair wirft dem Ex-Premier vor, in den Irak-Krieg gezogen zu sein, um sich bei George W. Bush einzuschleimen.

Von Wolfgang Koydl, London

Für seine Entscheidung, britische Truppen an der Seite der USA zwecks Regimesturz in den Irak zu schicken, ist Ex-Premierminister Tony Blair oft gerügt und beschimpft worden. Seit der jüngste Untersuchungsausschuss über die Hintergründe der Invasion seine Arbeit aufgenommen hat, trauen sich immer mehr ehemalige führende Regierungsbeamte aus der Deckung und üben Kritik an ihrem einstigen Chef. Es ist Teil eines langsamen Crescendos, das im Januar in einem fulminanten Finale gipfelt, wenn Blair selbst vor der Kommission aussagen soll.

Doch nun hat sich ein alter Gefolgsmann Blairs mit einem derart lauten Paukenschlag zu Wort gemeldet, dass selbst den an harte persönliche Attacken gewohnten Beobachtern in Westminster kurz der Atem stockte. Denn Ken Macdonald, den Blair einst gegen öffentliche Widerstände auf den Posten des Generalstaatsanwaltes berief, unterstellt dem Regierungschef, dass er die Nation letztlich nur aus einem Grund in den Krieg gezerrt habe: aus "Speichelleckerei" gegenüber dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush. "Washington hat ihm den Kopf verdreht", schrieb Macdonald in einem Meinungsbeitrag für die Londoner Times, "und er (Blair) konnte der Bühne oder dem Glanz nicht widerstehen, welche ihm dies bot."

Die massive Kritik erschien einen Tag nachdem Blair selbst in einem Fernsehinterview zugegeben hatte, dass er in jedem Fall eine Militärintervention gegen den irakischen Despoten Saddam Hussein angeordnet hätte - selbst wenn er zu diesem Zeitpunkt schon gewusst hätte, dass Bagdad keine Arsenale an Massenvernichtungswaffen besaß. Diese aber waren der Grund gewesen, unter welchem das Unterhaus der Entsendung von britischen Truppen zugestimmt hatte. Verteidigungsminister Bob Ainsworth, der damals als Vize-Fraktionschef die Aufgabe hatte, die Labour-Abgeordneten auf ein Ja einzuschwören, zeigte sich über die Bemerkung Blairs "ein klein wenig" überrascht. Er und die anderen Labour-Abgeordneten hätten dem Einsatz nur unter der Prämisse zugestimmt, dass von biologischen und chemischen Waffen eine Bedrohung ausgegangen sei.

"Verteidung eines Narzissten"

Auch Ex-Generalstaatsanwalt Macdonald bezog sich auf die jüngste Äußerung Blairs und meinte, dass selbst der Premierminister immer weniger an die damals gegebene Begründung für den Waffengang zu glauben scheine. Blairs immer wieder gehörtes Mantra, dass er nur getan habe, was richtig gewesen sei, so Macdonald, sei "die Verteidigung eines Narzissten". In jedem Fall sei Glaube an sich selbst keine Antwort auf ein krasses Fehlurteil, das zu einer "außenpolitischen Schande epischen Ausmaßes" geführt habe.

Zusätzlich pikant werden die Attacken von Macdonald durch die Tatsache, dass der Jurist, der inzwischen wieder als Anwalt arbeitet, in derselben Kanzlei tätig ist wie Blairs Ehefrau Cherie. Der Umstand, dass beide sich kannten, hatte bei seiner Ernennung zum Chef der britischen Anklagebehörde den Vorwurf der Bevorzugung laut werden lassen. Macdonald äußerte die Hoffnung, dass der derzeit tagende Chilcot-Ausschuss über die Hintergründe der Irak-Operation wirklich "furchtlos die Wahrheit" jener "nahöstlichen Geschichte aus Gewalt und Vernichtung" ans Tageslicht bringen werde. Als ermutigend bezeichnete er es, dass sich "die Zungen" ehemaliger Top-Bürokraten umso mehr lockerten, wie sich Blair von der Macht entferne. So locker wie Macdonald freilich hat noch niemand gesprochen. Vorerst jedenfalls.