Griechen sollen über EU-Hilfen abstimmen Sie sind sich selbst der größte Feind

Nicht die Finanzmärkte, das Volk soll jetzt das Sagen haben: Das griechische Referendum über die Euro-Beschlüsse hat etwas Bestechendes. Und doch herrscht Unglauben und Entsetzen, die Griechen freuen sich nicht über diese Abstimmung. Sie haben die Wahl zwischen Fegefeuer und Hölle. Es hätte auch einen anderen Weg gegeben, der Demokratie zu ihrem Recht zu verhelfen.

Ein Kommentar von Kai Strittmatter

Es hat aus der Ferne, bei aller irren Waghalsigkeit, auch etwas Bestechendes: Nun soll also das Volk das Sagen haben. Den Märkten soll, für einen entscheidenden Moment, das Heft des Handelns aus der Hand genommen, der Demokratie zu ihrem Recht verholfen werden. "Lasst die Bürger entscheiden - für ihr Land und für sich selbst", hat Giorgos Papandreou, der griechische Ministerpräsident, gesagt, als er die Welt mit der Ankündigung eines Referendums überraschte oder, wie manche sagen: schockierte.

Es wäre tatsächlich das erste Mal seit Ausbruch der Krise, dass einer die Griechen nach ihrer Meinung fragte. Als diese Papandreou und seine sozialistische Pasok 2009 wählten, da wählten sie einen Premier, der ihnen Milliarden um Milliarden an neuen Sozialprogrammen versprach; sie wählten das alte Griechenland. Weil sich das alte Griechenland aber als bankrott erwies, bekamen sie das Gegenteil.

Seit eineinhalb Jahren nun kürzt ihnen diese Regierung Löhne und Renten, sie erlässt Steuer um Steuer, das Land versinkt derweil in einer nicht enden wollenden Rezession, das Volk in Hoffnungslosigkeit und Depression. Die wiederkehrenden Szenen von Streik, Chaos und Gewalt auf den Straßen gibt es auch deshalb, weil die Stimme der Bürger, denen es Tag um Tag schlechter geht, sonst nicht zu hören wäre.

Es herrscht also ein Legitimationsdefizit, und zwar in Zeiten höchster staatlicher Not. Das kann nicht gut sein für die Demokratie. Und doch wird Papandreou in Griechenland für seinen Schritt nicht gefeiert, es herrscht Unglauben, Entsetzen gar bei vielen, die früher mit ihm sympathisierten. Was will er? Papandreou, das ist klar, befindet sich unter gewaltigem Druck. Überall stehen nur mehr Feinde, die Opposition spielt ein zynisches Spiel der totalen Blockade, und selbst eigene Parteianhänger drohen zu desertieren.

Also wendet sich der Premier ans Volk und sucht den Befreiungsschlag. Bloß: Was ist das für ein Befreiungsschlag, der droht, Anvertraute wie Freunde beschädigt zurückzulassen? Der Verdacht liegt nahe, dass Papandreou an erster Stelle Legitimität nicht für Europa und nicht für die Demokratie, sondern vor allem für sich selbst sucht - und das zu einem verrückten Preis.

Ja, es ist möglich, dass die Griechen das Rettungspaket befürworten. 60 Prozent sind laut einer Umfrage im Moment zwar dagegen, aber das kann sich ändern, wenn man ihnen die Konsequenzen klarmacht. Denn ein Nein würde wohl den ungeordneten Bankrott mit katastrophalen Folgen vor allem für die einfachen Leute im Land bedeuten, vielleicht gar den Austritt aus der Euro-Zone. Und den will keiner. Aber eben deshalb ist das Referendum auch kein echter Test des Volkswillens: Das Volk hat keine Wahl. Oder vielmehr: Es hat die Wahl zwischen Fegefeuer und Hölle. Wenn es bei Sinnen ist, wählt es das Fegefeuer.