Gewaltsame Proteste in Venezuela Das gefährliche Erbe des Hugo Chávez

Mehrere Demonstranten sind tot, Hunderte sitzen in Haft: Venezuela ist gespalten wie nie. Zwar dauert der Streit zwischen den sozialistischen Chavisten und ihren konservativen Gegnern schon mehr als zehn Jahre. Doch weil Chávez-Nachfolger Maduro völlig hilflos agiert, kann es nun gefährlich werden.

Ein Kommentar von Peter Burghardt, Buenos Aires

Bald ein Jahr lang ist Hugo Chávez nun tot, und es steht schlecht um seinen Erbhof. Venezuela gehört zu den Ländern mit der höchsten Mordrate in der Welt, auch bei den Kundgebungen dieser Tage gab es wieder Opfer. Die Inflation zählt mit mehr als 50 Prozent ebenfalls zu den höchsten der Erde, und Grundstoffe wie Toilettenpapier werden knapp.

Seit fast drei Wochen wird nun für und gegen den Präsidenten und Chávez-Nachfolger Nicolás Maduro demonstriert, die Nation ist zerrissen. Zwar streiten sich die sozialistischen Chavisten und die konservativen Anti-Chavisten schon seit mehr als zehn Jahren, aber diesmal ist die Auseinandersetzung gefährlich.

Das Szenario erinnert ansatzweise an die Ukraine, aber der Vergleich trägt nicht weit. Mehrere Venezolaner wurden bei den Zusammenstößen ermordet, die meisten von ihnen waren regierungskritische Studenten. Hunderte wurden verhaftet, vorneweg der Oppositionsführer Leopoldo López. Die Proteste der Maduro-Gegner richten sich gegen Unsicherheit, Wirtschaftskrise, Korruption, Autoritarismus. Der Chavismus ohne Chávez hat die Richtung verloren. Die Wucht der Proteste und die Gewalt zeigen, welcher Frust und welche Wut sich aufgestaut haben. Das Land ist polarisiert wie nie. Und beide Lager sind obendrein in sich gespalten.

Auf der einen Seite bedient sich die Opposition der falschen Mittel. Schon Chávez war von Putschversuch, Generalstreik und Märschen nur gestärkt worden. Der Caudillo gewann zwar auch Referenden und Wahlen in Serie, eine knappe Mehrheit unterstützte ihn und bis zuletzt Maduro. Dennoch waren die Waffen der Demokratie besonders wirksam gegen ihn. Chávez ließ aus dem Ölreichtum fast eine Billion Dollar verpulvern, mit wenig Ertrag. Nur seine Basis in den Armenvierteln hat von ihm profitiert.

Wahlen sind wirkungsvoller als Putschversuche

In Bedrängnis kam er, als sich die gespaltene Opposition vereinte und ihn an der Urne herausforderte. Ihr gemäßigter Kandidat Henrique Capriles unterlag Chávez und später Maduro bei den Präsidentschaftswahlen relativ knapp. Jetzt trug Capriles' radikaler Nebenbuhler López die Auseinandersetzung wieder auf die Straße - und landete im Gefängnis.

Auf der einen Seite verliert auch der hölzerne Staatschef Maduro die Kontrolle. Selbst Kritiker geben zu, dass Hugo Chávez Charisma hatte, Talent und Führungsstärke. Er reagierte in Notfällen sogar pragmatisch und wurde mit seinem Tod zum religiös verklärten Mythos. Das Imitat Maduro dagegen wirkt nur hilflos. Außer Parolen und Repression fällt ihm nichts ein. Maduro heizt die Stimmung sogar noch an, wenn er Demonstranten Faschisten nennt, Verschwörungen wittert und zur Verteidigung des Vaterlands aufruft.

Es zeugt von Schwäche, wenn Oppositionelle verhaftet und Journalisten ausgewiesen werden. Die Milizen ließ bereits Chávez bewaffnen, er trimmte den gesamten Staatsapparat mit enormen Ausgaben auf seine Linie. Aber nie feuerten seine Pistoleros im Auftrag seiner chaotischen Revolution wild in die Menge. Maduro verfügt nicht über diese Kontrolle. Er vertraut fast ausschließlich auf die Armee. Indes führt möglicherweise der militärische Hardliner und Parlamentschef Diosdado Cabello bereits das Kommando.

Caracas ist nicht Kiew, einen Umsturz wird es kaum geben. Dafür ist der Chavismus ohne Chávez noch zu stark. Wie Russland im Fall der Ukraine, so wacht Kuba über den Verbündeten Venezuela. Havanna fürchtet um sein billiges Öl. Die übrige Nachbarschaft schweigt. Länder wie Brasilien und Argentinien haben zu Hause selbst mit Ärger zu kämpfen. Dabei könnten sich regionale Foren als Vermittler im venezolanischen Duell bewähren. Sonst versinkt das Land im Dauerkonflikt.