Gewalt in Israel Israel bekämpft einen vielarmigen Feind

Israelische Grenzpolizisten kontrollieren an einem Checkpoint einen Palästinenser

(Foto: AFP)
  • Israel will ganze Stadtteile in Ostjerusalem abriegeln, um Angriffe von Palästinensern zu verhindern.
  • Doch mit Hilfe der sozialen Medien kann Gewalt überall ausbrechen. Die Täter sind oft durchaus gebildet, wachsen aber ohne Perspektive auf.
  • Hamas und Fatah scheinen keine Kontrolle über die jungen Netzaktivisten zu haben.
Von Peter Münch, Tel Aviv

Mit drastischen Mitteln will Israels Regierung die Gewalt eindämmen: Hunderte Soldaten sind nach einer nächtlichen Sitzung des Sicherheitskabinetts in die Städte beordert worden, um der Polizei zur Hand zu gehen. An den Zufahrten zum arabischen Ostteil der Stadt Jerusalem errichteten Sicherheitskräfte Straßensperren und Kontrollpunkte. In der jüngsten Welle palästinensischer Attacken stammten 80 Prozent der Täter von dort. Diese Notfallmaßnahmen haben das Ziel, die Ruhe wiederherzustellen. "Doch damit wird das nicht gelingen", sagt Orit Perlov vom israelischen "Institut für nationale Sicherheitsstudien" (INSS), dem größten Think Tank des Landes. "Das Internet kann man nicht schließen, und wenn du Schuafat abriegelst, dann tauchen die Ideen eben in Jaffa auf."

In diesem Aufruhr ohne Anführer und ohne klare Struktur ist das Internet zum Katalysator des Kampfes geworden. Lange bevor die Gewalt nun in den Städten eskalierte, tobte eine Intifada bereits in den sozialen Medien. "Da braucht man keine Massen auf der Straße, nur Massen an ,Likes'", meint Perlov. Heute kündigen die Täter auf Facebook ihre Angriffe an, wie der 19-jährige Mohammed Halabi aus der Nähe von Ramallah, der Anfang Oktober in der Jerusalemer Altstadt zwei jüdische Männer erstach, bevor er selbst getötet wurde. Zuvor hatte er gepostet, dass die "dritte Intifada begonnen" habe.

Jung, gebildet, perspektivlos, gewaltbereit

Der junge Jura-Student ist wohl ein typischer Täter in diesem neuen Kampf, der Israels Sicherheitskräfte vor enorme Probleme stellt. Denn die Angreifer sind allesamt jung und zornig, sie gehören zumeist zu keiner politischen Gruppierung, sind nie zuvor auffällig geworden. Aber sie sind online und irgendwann gewaltbereit. Perlov vergleicht diese Bewegung mit einem Oktopus - "viele Arme und kein Verstand", wobei sie mit dem Verstand nur die fehlende zentrale Steuerung meint. Denn oft sind die Angreifer durchaus gebildet, Studenten oder High-School-Absolventen, doch dabei ohne Aussicht auf einen angemessenen Job. 50 Prozent der palästinensischen Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre, viele wachsen wegen der hohen Arbeitslosigkeit ohne Perspektive auf. Das Internet, zu dem derzeit laut Perlov ungefähr 30 bis 35 Prozent der Palästinenser Zugang haben, ist ihr Refugium geworden.

Was sie dort zu sehen bekommen, heizt ihre Wut an. Das Messer - aufstandsfähig geworden durch die brutalen Videos aus dem Horrorreich des "Islamischen Staats" - ist auch unter Palästinensern zum Symbol ihres Aufruhrs geworden. "Itaan", stich zu, lautet das Schlagwort, unter dem blutige Bilder und Cartoons zu finden sind, die zu Attacken auf jüdische Israelis aufrufen. Schon seit ungefähr zwei Monaten verfolgt Perlov die Messer-Kampagne, davor war das Netz von Bildern und Zeichnungen von Autos überschwemmt, die in jüdische Menschenmengen hinein gesteuert wurden. "Hunderttausende sehen das", sagt sie - und manche ahmen es nach. Neben den jungen Männern treten überdies nun auch junge Frauen als Attentäterinnen aus eigenem Antrieb auf.

Bei all diesen Aufstachelungen kann Perlov keinerlei Verbindung zu den führenden palästinensischen Fraktionen finden. Weder die Hamas noch die Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, so erklärt sie, hätten irgendeinen Einfluss auf die jungen Netzaktivisten. Im Gegenteil: "Die größte Kampagne richtet sich gegen Abbas", sagt die Forscherin. "Abbas Fuck you, the End" war der Titel einer ganzen Serie von Karikaturen, die den Präsidenten als Witzfigur oder als Marionette der Israelis zeigte. Zur Gegenwehr schickte Abbas seine Sicherheitskräfte los. 600 bis 900 palästinensische Netzaktivisten wurden von der eigenen Polizei verhaftet, schätzt Perlov. Geholfen habe das nicht. Abbas habe die Kontrolle über die Straße verloren, und nirgendwo zeige sich das deutlicher als im Netz.

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Hamas und Fatah geraten in Not

In ihrer Not versuchen Hamas und Fatah nun, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen. Zum einen geben sie dem Zorn ein Ziel und beschwören die Verteidigung der Al-Aksa-Moschee gegen allfällige jüdische Übergriffe. Zum andern verstärken sie den Opfermythos, der auf den arabischen Seiten des Internets gepflegt wird. Jüngste Ikone ist das Bild des getöteten 15-jährigen Hassan Manasra, der als Opfer der israelischen Gewalt gezeigt wird. Dabei wird nicht erwähnt, dass er zuvor in Jerusalem einen 13-jährigen jüdischen Jungen mit einem Messer schwer verletzt hatte. Nabil Abu Rudeineh, Sprecher von Abbas, verglich das Bild des Toten mit jenem einprägsamen Foto, das die zweite Intifada angeheizt hatte: Da kauerte ein später getöteter palästinensischer Junge mitten im Schussfeld schreiend hinter seinem Vater.

So wird auf virtuellen Schlachtfeldern vorbereitet, was sich irgendwann unorganisiert und ohne Muster auf den Straßen, an einer Haltestelle oder in einem Bus ereignet. Alle Bemühungen der israelischen Regierung, die Gewalt zu stoppen, waren bisher erfolglos - nun soll die Abriegelung der Palästinenser-Viertel in Jerusalem helfen. Doch Orit Perlov hält das für ein Gegenmittel von gestern. "Wenn alle Straßen gesperrt sind", so prophezeit sie, "werden wir noch mehr Radikalität sehen."

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