Gestoppte Gas-Pipeline Putins South-Stream-Kalkül geht auf

Stahlrohre in der Nähe von Belgrad symbolisierten im November 2013 den Baubeginn der South-Stream-Pipeline.

(Foto: Koca Sulejmanovic/dpa)
  • Öl und Gas sind Russlands wichtigste Einnahmequellen. Deshalb ist der Stopp des Pipeline-Projekts South Stream doch eher überraschend.
  • Dass South Stream für Russland nicht mehr so wichtig ist, hat vor allem damit zu tun, dass die Europäer ihr Konkurrenzprojekt Nabucco bereits 2013 aufgaben.
  • Die von Kämpfen erschütterte Ukraine bleibt damit vorerst eines der wichtigsten Transitländer für russische Gaslieferungen nach Westeuropa.
Von Hubert Wetzel

Durch Pipelines werden Erdöl und Erdgas gepumpt - zwei der wichtigsten Rohstoffe für die Weltwirtschaft. Insofern ist es nicht überraschend, dass die Kontrolle über Pipelines nicht nur wirtschaftlich von Bedeutung ist, sondern auch politisch und strategisch. Verkürzt könnte man sagen: Pipelines sind Macht.

Das gilt für die nun von Russland infrage gestellte South-Stream-Röhre in ganz besonderem Maße. Als die Pläne für den Bau der Pipeline Mitte 2007 bekannt gegeben wurden, war South Stream vor allem ein russisches Konkurrenzunternehmen zu der geplanten europäischen Nabucco-Pipeline. Über Nabucco sollte Gas aus dem Raum um das Kaspische Meer und aus Zentralasien via Türkei nach Südeuropa und Österreich gebracht werden.

Doch die Röhre bedrohte Russlands Stellung als wichtigster Gaslieferant für Europa: Die Europäer hätten den Rohstoff direkt in Zentralasien einkaufen und unter Umgehung Russlands importieren können. Politisch und wirtschaftlich wäre das ein herber Schlag für Moskau und seinen Einfluss gewesen. Denn Russland betrieb mit dem zentralasiatischen Gas ein lukratives Geschäft: Es nahm Ländern wie Kasachstan, Turkmenistan oder Aserbaidschan den Rohstoff günstig ab, pumpte ihn in russische Pipelines und verkaufte ihn als russisches Gas mit einem Preisaufschlag nach Westeuropa.

Russland stellte South Stream gegen Europas Nabucco-Projekt

Der Kreml zog wegen der Bedrohung durch Nabucco die South-Stream-Pipeline aus dem Hut - das Gegenstück zur Nord-Stream-Pipeline, die russisches Gas durch die Ostsee nach Deutschland bringt. South Stream sollte das zentralasiatische Gas durch das Schwarze Meer nach Südeuropa bringen. Auf diese Weise würde Moskau weiterhin den Gasexport aus der Region nach Europa kontrollieren. Die unterschiedlichen geostrategischen Folgen der beiden Pipelines waren offensichtlich: Nabucco hätte Europas Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen verringert, South Stream hätte sie hingegen zementiert.

Arbeiter beim Schweißen im nordwestbulgarischen Rasovo: Bis August dieses Jahres gingen die Vorbereitungen für den Pipelinebau voran.

(Foto: AFP)

Aus diesem Grund haben sich zum Beispiel die USA stets massiv für den Bau von Nabucco eingesetzt. Die EU-Kommission in Brüssel hingegen weigerte sich lange Zeit, Nabucco als geopolitisches Projekt zu bezeichnen und entsprechend zu fördern. Kurzzeitig arbeitete der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer als politischer Lobbyist für das Nabucco-Konsortium - ohne nennenswerten Erfolg.

Beide Pipelines wären nicht wirtschaftlich gewesen

Beide Pipelines zu bauen, wäre unmöglich gewesen - die Länder rund ums Kaspische Meer fördern nicht genügend Gas, um zwei große Pipelines zu füllen und wirtschaftlich zu betreiben. Immerhin: Die enorme wirtschaftliche Unsicherheit, die das South-Stream-Projekt für Nabucco mit sich brachte, führte dazu, dass das europäische Projekt 2013 gestoppt wurde. In diesem Sinne hat South Stream einen wichtigen Zweck für Russland erfüllt, selbst wenn nun South Stream angeblich wegen des politischen Drucks der EU-Kommission auf das Transitland Bulgarien ebenfalls ins Trudeln geraten ist.

Einen strategischen Vorteil hatten beide Pipelines allerdings gemeinsam: Sie sollten die Ukraine umgehen, durch die derzeit das russische Gas nach Europa fließt. Das hätte den Vorteil gehabt, dass nicht jeder russisch-ukrainische Gasstreit auch Westeuropa betroffen hätte. Diese Zeit ist seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise aber ohnehin vorbei.