Gerücht über toten Flüchtling Lageso: Ehrenamtliche Arbeit muss Grenzen haben

Flüchtlingshelfer leisten enorm viel. Doch die Ansprüche sind oft zu hoch - gerade ihre eigenen. Das zeigt die erfundene Geschichte vom toten Syrer in Berlin.

Analyse von Hannah Beitzer, Berlin

Fassungslos. Dieses Wort fällt immer wieder bei den Ehrenamtlichen von "Moabit hilft". Fassungslos seien sie "über das Geschehene". Das Geschehene ist: Einer der Ehrenamtlichen, die seit Monaten vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales Flüchtlingen helfen, hatte die Nachricht verbreitet, ein Syrer sei in seinem Beisein gestorben. Viele Helfer teilten die Geschichte von Dirk V. auf Facebook. Die Sprecherinnen von "Moabit hilft" bestätigen den Tod des Flüchtlings, ihr Helfer sei glaubwürdig. Schnell war für die Unterstützer klar: Schuld ist Sozialsenator Mario Czaja, der die katastrophalen Zustände vor dem Lageso zu verantworten habe. Nur stellte sich später heraus, dass die Geschichte erfunden war.

Stellt das die Glaubwürdigkeit von "Moabit hilft" in Frage, wie viele schreiben? Oder wirft es gar ein schlechtes Licht auf alle Helfer in Berlin? Ganz so schlimm ist es nicht. Es lohnt sich aber dennoch, über ihre Rolle in der Berliner Flüchtlingspolitik nachzudenken. Denn der Fall zeigt deutlich, wie überfordert die Helfer sind, wie überhöht die Ansprüche, die mancher an sie stellt - allen voran sie an sich selbst.

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Ein beispielloser Fall zivilgesellschaftlichen Engagements

Die Ehrenamtlichen um "Moabit hilft" übernahmen im Sommer, als die Situation am Lageso eskalierte, Aufgaben, für die eigentlich der Staat zuständig wäre. Sie versorgten Flüchtlinge mit Essen und Trinken, kümmerten sich um die, die nachts vor verschlossenen Türen standen und stellten Ärzte zur Verfügung, die in ihrer Freizeit kranke Menschen behandelten. Es war ein beispielloser Fall bürgerschaftlichen Engagements in einer Krisensituation, die der Berliner Senat offensichtlich nicht alleine bewältigen konnte.

Bald fiel "Moabit hilft" auch eine wichtige Rolle in der politischen Auseinandersetzung um die Berliner Flüchtlingspolitik zu. Wann immer Sozialsenator Czaja wegen der Zustände am Lageso in der Kritik stand, kamen die Sprecherinnen und Sprecher der Initiative zu Wort. Unermüdlich forderten die Ehrenamtlichen den Rücktritt des Sozialsenators, klagten an, beschrieben wieder und wieder die chaotische Lage an der Aufnahmestelle. Im Winter verbreiteten Helfer Bilder von frierenden Flüchtlingen, die vor dem Amt in der Kälte standen. Sie forderten Wärmezelte, eine bessere Versorgung. Und waren sich sicher, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis ein Mensch vor dem Lageso stirbt. Am gestrigen Mittwoch schien dieser Fall eingetreten.

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Die Sprecherinnen von "Moabit hilft" stellten sich hinter ihren Helfer Dirk V., auch noch, als erste Zweifel an seiner Geschichte aufkamen. Inzwischen bezeichnet Sprecherin Diana Henniges die Verbreitung der Geschichte als "großen Fehler". Auf ihrer Facebook-Seite erklärt die Initiative: "Wir von 'Moabit hilft' haben Dirk in den vergangenen Monaten als verlässlichen und integren Unterstützer an unserer Seite kennengelernt, der sich auf unterschiedlichste Weise für viele geflüchtete Menschen engagiert hat." Man habe Dirk V. vertraut, so wie die Initiative allen engagierten Helfern vertraue - vertrauen müsse, wenn sie ihre Arbeit weiterhin "schnell, direkt und unbürokratisch" erledigen wolle.