Gedenken an die Neonazi-Opfer Wie Integration endlich gelingen kann

Trauer, Scham und Schande: Angela Merkel entschuldigt sich in ihrer Gedenkrede bei den Angehörigen der Opfer der Zwickauer Terrorzelle. Von schädlichen Vorurteilen spricht die Kanzlerin, die zu einem "Klima der Verachtung" geführt hätten. Für die Integrationsdebatte kann es nur eine Konsequenz geben: Respekt von Alt- und Neubürgern voreinander und füreinander.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Es war eine Gedenkstunde, in der viel von Trauer, Scham und Schande gesprochen wurde. Die Kanzlerin bat die Angehörigen der Opfer um Verzeihung. Sie fand gute Worte gegen die Gewalt und gegen ein Klima, das Gewalt erzeugt; sie warb für eine starke Zivilgesellschaft.

Was tut man als Journalist während einer solchen Rede? Man kann die Rednerin studieren und ihre Worte wägen. Man kann lauschen und prüfen, wie laut das Mea culpa des Staates klopft. Man kann den Blick schweifen lassen durch die Reihen der Repräsentanten von Staat und Gesellschaft und überlegen, wer von diesen Trauergästen das Morden hätte verhindern müssen. Man kann also ein bloßer Beobachter sein. Man kann aber auch der eigenen Beklemmung nachspüren, die Rührung fühlen und den Zorn, der einen packt. Man kann die Augen schließen beim Zuhören - und über die Bilder nachsinnen, die dieses Gedenken wachruft.

Die Bilder: Es sind zuvorderst die Bilder von zehn Opfern der braunen Terrorbande - Familienväter, neun Kleinunternehmer türkischer und griechischer Herkunft, eine Polizistin. Aber da sind noch mehr Bilder. Sie stammen aus der Zeit, in der sich die späteren Neonazi-Mörder radikalisiert haben: Es sind die Bilder aus Hoyerswerda, Mölln, Rostock und Solingen; Bilder aus so vielen deutschen Städten in den frühen neunziger Jahren, aus der Zeit also, in der Deutschland so leicht entflammbar war. In Hoyerswerda wurden damals die Ausländer aus der Stadt gejagt.

Fernsehreporter standen in einer johlenden Menge auf dem Marktplatz, irritiert und fassungslos, als sie Antworten bekamen wie diese: Der Terror "gegen die" müsse sein, "bis alle verjagt sind". In Mölln verbrannten bei einem Neonazi-Brandanschlag zwei türkische Mädchen und deren Großmutter. Noch während der Löscharbeiten gab es Selbstbezichtigungs-Anrufe bei der Polizei, die mit "Heil Hitler" endeten.

Die Gedenkrede: Die Kanzlerin spricht nun von den schädlichen Vorurteilen, die zu einem "Klima der Verachtung" führen. Der tagelange Pogrom von Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 kommt einem da in den Sinn, und die Tatenlosigkeit der Polizei. Damals haben sich Kommunalpolitiker bei den deutschen Einwohnern entschuldigt für die Unbill und die öffentliche Kritik, die sie hätten erleiden müssen.

Auch die Bilder von Solingen fallen einem ein, von Pfingsten 1993: Das brennende Haus der türkischen Familie Genc, fünf tote Frauen, viele Schwerverletzte. Die Gedenkveranstaltung damals fand im Deutschen Bundestag statt. Es wurden dort nicht, wie heute, die Namen der türkischen Opfer verlesen. Sie bestand nämlich darin, das Grundgesetz zu ändern, der alte Asylartikel 16 Absatz 2 wurde abgeschafft. CDU-Innenminister Kanther freute sich ein Jahr später in einem Interview über stark gesunkene Flüchtlingszahlen. "Dieses Ergebnis wäre nicht erzielbar gewesen ohne die öffentliche Auseinandersetzung - die natürlich auch Hitzegrade erzeugt hat"; er sagte tatsächlich "Hitzegrade".