Geburtenrate in der Türkei Babypause am Bosporus

Die Türken werden reicher und wollen immer weniger Kinder. Die Politiker der konservativen AKP sind alamiert. Auch wenn die Türkei im Vergleich mit EU-Ländern ein jugendliches Land ist.

Von Kai Strittmatter, Istanbul

Der türkische Präsident hat drei. Der Premier hat vier und sagt, er hätte sich mehr gewünscht. Der Gesundheitsminister hat sechs. Die Politiker der konservativen Regierungspartei AKP passen ins althergebrachte Bild von den Türken als Europameister im Kinderkriegen.

Eine OECD-Studie bescheinigte der Türkei noch für das Jahrzehnt von 1995 bis 2005 den größten Bevölkerungszuwachs aller Mitgliedstaaten. 71 Millionen Einwohner hat das Land im Moment, und bislang hatten viele damit gerechnet, dass die Türkei die 100-Millionen-Marke im Jahr 2050 reißen werde.

"18.000 Schulen stehen leer."

Doch die Türken machen nicht mit: Sie treten auf die Bremse, kriegen viel schneller viel weniger Kinder als noch vor kurzem vermutet. Und schon meldet Erziehungsministerin Nimet Cubukcu: "Wir werden die 100 Millionen nie schaffen."

Cubukcu stellte soeben eine Studie vor, wonach schon in den letzten vier Jahren die Zahl der Schüler um jährlich 70.000 bis 80.000 zurückgegangen sei. Auf dem Land komme die Migration in die Städte als Problem hinzu: "18000 Schulen stehen leer", sagte sie der Zeitung Aksam. "Wenn es so weiter geht, müssen wir viele schließen."

Die Geburtenrate liegt mittlerweile bei 2,2 Kindern pro Frau. Der momentane Trend bedeutet: Die Bevölkerung wird noch bis zum Jahr 2030 zunehmen - und dann schrumpfen. Für 2050 rechnet die Regierung nun mit 88 Millionen Türken. "Das ist normal. Wenn der Wohlstand steigt, fällt die Geburtenrate", sagt Tarhan Erdem, Chef der renommierten Istanbuler Statistik- und Meinungsforschungsfirma Konda, der der Regierung allerdings vorwirft, mit unzuverlässigen Zahlen zu operieren.

Der Wohlstand jedenfalls stieg seit 2002 nirgends in Europa schneller als in der Türkei mit Wachstumsraten von durchschnittlich sieben Prozent. Millionen Anatolier siedelten um in die boomenden Städte, wo sie nur noch wenige Kinder bekommen. Ein bettelarmes, bedrohlich wachsendes Volk, das die Europäische Union überschwemmt - das Horrorbild, das manch europäischer Türkeigegner zeichnet, stimmt nicht mehr.

Die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 28 Jahre.

Das Bemerkenswerte: Die Zahlen, die manchen Türkeiskeptiker in der EU, aber auch Familienplaner in der Türkei selbst beruhigen dürften, sorgen in der Regierung in Ankara für höchste Unruhe. Premier Tayyip Erdogan hatte schon vergangenes Jahr die Türkinnen aufgerufen, fürs Vaterland wieder mehr, nämlich mindestens drei Kinder zu gebären.

Die Türkei ist ein junges Land, die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 28 Jahre. Erdogan will, dass das so bleibt. Dabei berief er sich im Dezember auf Altbundeskanzler Gerhard Schröder. Sein guter Freund habe ihm Folgendes gesagt: "Premier, Sie haben Glück. Sie haben eine große, junge Bevölkerung. In zwanzig Jahren werden wir eben deshalb an Ihre Tür klopfen und sagen: 'Türkei, tritt bitte der EU bei!'"

Kinderreiche Prominente als Vorbilder

Erdogan schreckt dabei nicht, dass die Jugendarbeitslosigkeit in der Türkei so extrem hoch ist wie die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, und dass sein Aufruf ohnehin nur in den armen Gebieten des Ostens erhört werden wird, die dem Rest des Landes schon jetzt hoffnungslos hinterherhinken.

Cubukcu tut es nun ihrem Premier gleich und fordert Prominente auf, ein "Vorbild" zu sein wie die Popsängerin Gülben Ergen, die es zu Karriere und drei Kindern gebracht hat. Die Ministerin hat übrigens nur ein einziges Kind. Gut möglich, dass sich die Türken mehr am Leben Cubukcus ein Beispiel nehmen als an ihren Worten.