Gastronom offeriert Krisengerichte Was Schäuble mit einer Schafherde zu tun hat

Georgios Chrissidis serviert in seinem Berliner Lokal Krisengerichte wie den "Varoufakis-Teller". Hier erklärt er, warum er für einen Grexit ist und was er von Syriza hält.

Interview von Oliver Das Gupta, Berlin

Der Berliner Gastronom Georgios Chrissidis

(Foto: Oliver Das Gupta)

Georgios Chrissidis kam vor 28 Jahren in die Bundesrepublik - via Ost-Berlin, weil dort sein Flugzeug landete. Der studierte Pädagoge, der nahe der nordgriechischen Stadt Thessaloniki aufwuchs, ist Vater von drei Kindern. Im Berliner Stadtteil Kreuzberg betreibt er das Restaurant "Z".

SZ: Herr Chrissidis, bevor wir zur Politik kommen, sollten wir über Ihre Speisekarte sprechen. Sie haben Krisengerichte erfunden wie den "Grexit-Teller" und "Troikaminator III". Wie reagiert die Kundschaft?

Bei der kommt es gut an, die meisten finden es sehr lustig. Sie bestellen gerne den weichen Tsipras als Vorspeise und auch oft den Varoufakis.

Auf dem "Varoufakis-Teller" liegt ein Jungbullensteak.

Klar, das kraftvolle, bullige Auftreten passt zu ihm, finden Sie nicht?

Das leuchtet ein. Aber welche Verbindung gibt es zwischen Schäuble und der Lammhüfte?

Wenn Sie in Griechenland mit dem Auto eine Schafsherde vor sich auf der Straße haben, gibt es kein Durchkommen. Das hat uns an Schäuble erinnert: An dem kommt keiner vorbei. Eine negative Rückmeldung hatte ich bislang: Eine ältere Kundin hat mir gesagt, dass sie die Nachspeise "Süße Angie" wegen des Namens nicht so gut findet. Sie hat "Angie" dann aber trotzdem bestellt und war zufrieden.

Sie nehmen die Griechenland-Krise mit Humor, das schaffen derzeit wenige.

Es gibt auch bei mir oft Momente, in denen ich sehr traurig und deprimiert bin. Meine Verwandten in Griechenland leiden unter der Krise. Meine Eltern wohnen in einem Dorf in der Nähe von Thessaloniki. Sie leben von der Rente, die gekürzt wurde. Zum Glück bauen sie Gemüse an, so haben sie zusätzlich etwas zu essen. Und mein Bruder, der als Selbstständiger Ersatzteile für Autos importiert, hat große Probleme. Seine griechischen Kunden bezahlen die Rechnungen nicht mehr und verweisen auf die geschlossenen Banken. Für meinen Bruder bedeutet das, dass er bald nicht mehr die Rechnungen der Exporteure im Ausland bezahlen kann.

"Wir sind uns noch nicht einmal einig, uneinig zu sein"

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Als Berliner haben Sie den Blick von außen. Was sagen Sie ihren Verwandten in Griechenland?

Ich höre zu und manchmal spende ich Trost. Vor der letzten Wahl habe ich meinem Vater geraten, nicht mehr wie immer für die konservative Nea Dimokratia zu stimmen, sondern für Syriza. Damit sich endlich etwas ändert: dass die Justiz wirklich unabhängig wird und der Staat Steuerflucht bekämpft und an die Leute rangeht, die mehr Geld haben.

Die Wahl war vor über einem halben Jahr. Was denken Sie jetzt?

Ich bin echt enttäuscht. Weniger durch die Verhandlungen in Brüssel. Sondern weil die Syriza-Regierung in sechs Monaten so wenig bewegt hat.

Hat sich die griechische Regierung in den letzten Wochen klug verhalten?

Es gibt sicherlich Mentalitätsunterschiede und verschiedene politische Welten: Syriza ist sozialistisch, die Hauptverhandlungspartner in Brüssel nicht. Aber es gibt noch einen anderen Punkt. Tsipras und Varoufakis kamen nach Brüssel und taten so, als ob sie alles verändern könnten. Aber Griechenland ist ein einzelnes Land und es ist schwach. Außerdem gefällt mir der Umgangston nicht: Die griechische Regierung hat sich teilweise als kleine Heilige dargestellt und die EU-Partner schlecht gemacht.

Welches Auftreten hätten Sie sich gewünscht?

Sachlich, freundlich und respektvoll. Und keine Arroganz auf beiden Seiten. Es ist wie in einem Betrieb, wie hier in meinem Restaurant: Mit meinem Personal rede ich doch auch in Ruhe und höre ihnen zu. Und dann versuchen wir, bei Problemen eine Lösung zu finden. Damit sich beide Seiten gut fühlen. So war es in Europa leider in den letzten Wochen nicht. Da war nur schwarz-weiß und keine Bereitschaft zum Kompromiss. Das ist furchtbar.

Welche Lösung halten Sie momentan für die Beste für Griechenland?

Den Grexit, wie ihn Schäuble vorschlägt.

Machen Sie jetzt Witze?

Nein, ich meine das wirklich. Ich glaube, in dieser Situation geht es nicht anders. Griechenland sollte aus dem Euro austreten und richtige Reformen anpacken. Allerdings müsste das Land auch einen Schuldenschnitt bekommen, sonst kommt es nicht mehr hoch. So könnte es dann eine solide Grundlage geben, um eines Tages wieder Teil der Eurozone zu werden.

Wann kamen Sie eigentlich nach Berlin?

Vor 28 Jahren. Es war so schwer und alles so fremd. Ich hatte auch das Gefühl, im Ausland zu sein. Das habe ich nun nicht mehr und das verdanke ich Europa. Wir haben ja nicht nur eine gemeinsame Währung, sondern alles ist so viel einfacher geworden, das Reisen, das Arbeiten, das Leben überhaupt. Die Grenzen sind offen, alte Feinde sind nun Freude. Wenn ich nationalistische Töne höre, dann muss ich daran denken, wie sehr uns allen nationalistisches Denken im 20. Jahrhundert geschadet hat. Europa ist das Beste, was uns passieren konnte. Viele vergessen, wie gut uns allen dieser Einigungsprozess getan hat.

Fühlen sich Ihre Kinder eher als Griechen oder als Deutsche?

Meine Töchter haben mich einmal gefragt: Papa, sind wir Griechen oder Deutsche? Ich habe ihnen gesagt: Wir sind vor allem Europäer.

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