Flut in Pakistan Das Land ertrinkt, der Präsident verreist

Die Flutopfer in Pakistan bleiben allein - der Westen hilft nur zögerlich, weil seit 9/11 die Islamophobie um sich greift. Die Regierung ist wie gelähmt, die Elite des Landes korrupt.

Ein Gastbeitrag von Tariq Ali

Der Autor, Filmemacher und Historiker Tariq Ali, 67, wurde in Lahore geboren und lebt in London. Er gilt als Grenzgänger zwischen islamischer und westlicher Welt.

Im August herrscht in Pakistan der Monsun; dieses Jahr ist er zur Katastrophe geworden. Die Flut hat das Land heimgesucht, schwemmt die Häuser und ihre Bewohner hinweg. Fast zweitausend Menschen sind umgekommen, fast 20 Millionen sind obdachlos; die internationale Hilfe erreicht nur ein Drittel der Opfer. Pakistan leidet unter der Armut und unter dem Krieg in Afghanistan - das alleine wäre schlimm genug. Jetzt hat das Land es mit der furchtbarsten Naturkatastrophe seit vielen Jahrzehnten zu tun. Jede Regierung hätte es derzeit schwer. Die pakistanische ist aber nachgerade gelähmt.

In den vergangenen sechzig Jahren ist es der pakistanischen Elite nicht gelungen, eine funktionierende soziale Infrastruktur für ihr Volk einzurichten.

Das ist ein tiefsitzendes strukturelles Problem, unter dem eine große Mehrheit der Bevölkerung zu leiden hat. Heutzutage folgen die Herrschenden blindlings dem neoliberalen Diktat des Weltwährungsfonds - Pakistan will ein guter Schuldner bleiben. In guten Zeiten sind die Herrschenden zu wenig gut. Jetzt aber, da Pakistan diese Katastrophe erlebt, sind sie zu nichts zu gebrauchen.

Auch die Reaktion des Westens war bisher alles andere als hilfreich. US-freundliche Journalisten haben Islamabad in Panik gestürzt: Wenn Pakistan nicht geholfen werde, würden Terroristen die Herrschaft übernehmen. Das ist großer Unsinn. Die pakistanische Armee hat die Organisation der Hilfe für die Opfer der Flut fest in ihren Händen. Religiöse Gruppierungen und andere sammeln Spenden für die Obdachlosen. Das ist normal. Viele Bürger Pakistans fragen sich, warum der Westen so inadäquat reagiert. Manche meinen, dass Pakistan als ein Land gesehen werde, in dem sich Terroristen einnisten. Das führe dazu, dass Nordamerika und Europa lieber keine Hilfsgelder geben wollten, dass die Spendenbereitschaft in den reichen Ländern zu gering bleibe. Das Problem ist damit nicht richtig beschrieben, außerdem geht es nicht nur um Pakistan.

Der wahre Grund dafür, dass die Hilfe für Pakistan so zögernd anläuft, ist vielmehr der: Seit dem 11. September 2001 sind Europa und Teile Nordamerikas von flagranter Islamophobie erfasst. In einer neuen Umfrage wurde die Frage gestellt, was der erste Gedanke sei, der den Leuten in den Sinn komme, wenn sie das Wort "Islam" hören: Mehr als die Hälfte der Angesprochenen antwortete "Terrorismus". Die Umfrage ist zwar in Großbritannien angestellt worden, doch ist bekannt, dass Briten, Franzosen, Deutsche, Holländer und Dänen ähnlich denken. Der Blick auf den Islam als das absolut "Andere" hat natürlich mit den Kriegen in Afghanistan und dem Irak zu tun. Die Haltung ist aber so falsch, wie der Antisemitismus es war, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts weithin florierte.

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