Europäische Flüchtlingspolitik Routen der Hoffnung, Wege der Verzweifelten

  • Viele Flüchtlinge gelangen auf dem Luftweg in die EU, die meisten Ausländer, die sich dort illegal aufhalten, sind auf diesem Weg eingereist, heißt es bei der EU-Grenzagentur Frontex.
  • Frontex kennt darüber hinaus sieben wichtige Land- und Seerouten, über die weitere Flüchtlinge versuchen, die EU-Grenzen zu überwinden.

Der Weg nach Europa ist tödlich. Tausende Flüchtlinge sterben beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. In der Nacht auf Sonntag ist ein Boot mit mehr als 700 Menschen an Bord gekentert.

Als Festung Europa bezeichnen Kritiker deshalb die Europäische Union. Sie versucht mit viel Aufwand, Flüchtlinge draußen zu halten. Die Möglichkeiten, sich bis zu einem Ort innerhalb der EU durchzuschlagen, an dem man überhaupt Asyl beantragen kann, sind extrem begrenzt.

Die größte Zahl von Ausländern, die in der EU als illegal betrachtet werden, ist über den Luftweg eingereist, heißt es bei der Europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen (Frontex): Die Flüchtlinge besorgen sich Reisedokumente und Visa, landen auf einem Flughafen in der EU und bleiben dort. Sobald ihre Visa abgelaufen sind, wird ihr Aufenthalt illegal. Entweder beantragen sie dann Asyl oder sie verstecken sich vor den Behörden.

Die übrigen Flüchtlinge nutzen Frontex zufolge vor allem sieben Land- und Seewege, um die Grenzen zu überwinden.

Die mit Abstand meisten von ihnen versuchen aktuell, auf dem Seeweg nach Italien und Malta zu kommen. Frontex unterscheidet hier die "zentrale Mittelmeerroute" und die "südöstliche Mittelmeerroute" ("Apulien- / Kalabrienroute").

Die "zentrale Mittelmeerroute" nehmen vor allem Flüchtlinge vom Horn von Afrika und aus Westafrika, die häufig von Libyen aus mit kaum seetüchtigen Booten in See stechen, in der Hoffnung, die kleine italienische Insel Lampedusa oder die Insel Malta vor Sizilien zu erreichen.

Andere Flüchtlinge schiffen sich von Ägypten und Griechenland aus nach Süditalien ein, um über die "südöstliche Mittelmeerroute" ("Apulien- / Kalabrienroute") in die EU zu gelangen. Viele von ihnen sind zuvor aus der Türkei nach Griechenland geflüchtet. Auf dieser Route werden von Griechenland aus Flüchtlinge vor allem auf umgebauten Yachten geschmuggelt oder von Ägypten aus auf großen Schiffen, die auf den griechischen Inseln weitere Flüchtlinge aufnehmen. Die Passagiere werden dann vor der italienischen Küste an Fischerboote übergeben.

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Auf dieser Route sind vor allem Afghanen, Pakistaner, Bangladeschi und Ägypter und immer mehr Syrer unterwegs. 2013 wurden insgesamt etwa 40 000 Flüchtlinge auf beiden Routen zusammen gezählt. 2014 waren es bis Oktober 153 000.

In dieser Zeit versuchten immerhin 43 200 Flüchtlinge die EU über die "östliche Mittelmeerroute" zu erreichen. 2013 waren es noch 24 800. Es handelt sich vor allem um Syrer, Afghanen und Somalier, die sich von der Türkei aus einschiffen und versuchen, nach Griechenland, Bulgarien oder Zypern zu gelangen. Die Schlepper, die die Flucht organisieren, sitzen in Istanbul, Izmir, Edirne und Ankara.

Viele von diesen Flüchtlingen - 2013 waren es fast 20 000 - versuchen später, über die "westliche Balkanroute" nach Ungarn, Slowenien oder Rumänien zu gelangen. Auch viele Kosovaren nehmen diesen Weg. Dieses Jahr hat Frontex hier bereits 17 000 Flüchtlinge gezählt.

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Deutlich wichtiger ist die "westliche Mittelmeerroute", über die jedes Jahr einige Tausend Nordafrikaner und vor allem Flüchtlinge aus Kamerun nach Spanien zu gelangen versuchen. 2013 zählte Frontex 6800 Flüchtlinge, bis Oktober 2014 waren es 6200. Besondere Bedeutung kommt hier den zwei spanischen Städten Ceuta und Melilla an der Küste Nordafrikas zu, die versuchen, Flüchtlinge mit hohen Zäunen abzuhalten.

Einige Hundert Flüchtlinge machen sich außerdem jedes Jahr auf, um über die "westafrikanische Route" in Richtung Kanarische Inseln zu gelangen, die zu Spanien gehören.

Hunderte Flüchtlinge vor allem aus Vietnam, der Ukraine und Russland versuchen jedes Jahr, über die "Route über die östlichen Festlandgrenzen" zu gelangen. Es handelt sich um die 6000 Kilometer Grenzen zwischen Weißrussland, Moldau, Ukraine und Russland einerseits und den östlichen EU-Mitgliedstaaten andererseits. Bis 2013 waren es jährlich mehr als 1000 Flüchtlinge. Bis Oktober 2014 hat Frontex 750 gezählt.

Eine früher intensiv genutzte Route war die Grenze zwischen Albanien und Griechenland. Inzwischen bewegen sich dort jedes Jahr zwar immer noch Tausende Albaner. Allerdings handelt es sich dabei offenbar vor allem um illegale Arbeiter, die versuchen, in Griechenland vorübergehend Jobs zu bekommen. Frontex spricht deshalb von der "zirkulären Route zwischen Albanien und Griechenland".

Anmerkung der Redaktion: Dies ist die aktualisierte Version eines Textes, der im Dezember 2014 im Rahmen eines Schwerpunkts zum Thema Flüchtlinge entstanden ist: 360° - Europas Flüchtlingsdrama.