Ethnische Gewalt in Myanmar Flammender Hass auf die muslimische Minderheit

Niemand weiß, wer die Schuld an der Eskalation trägt. Fest steht jedoch: 22.000 Angehörige der Rohingya, einer muslimischen Minderheit in Myanmar, sind auf der Flucht. Dutzende Menschen sind getötet worden, ganze Dörfer werden zerstört. Menschenrechtler werfen der Regierung vor, dem Treiben tatenlos zuzusehen.

Von Tobias Matern, Bangkok

Ursache der Gewalt ist ein schwelender ethnischer Konflikt: Fast 90 Prozent der Bevölkerung Myanmars (Birma) ist buddhistisch. In Rakhine gibt es auch eine große Gruppe der muslimischen Rohingyas.

(Foto: Reuters)

Im myanmarischen Rakhine-Staat (Rakhaing; früher Arakan) ist es zu einer neuen Welle ethnischer Gewalt gekommen. Wer die jüngsten Zusammenstöße provoziert hat, vermag niemand mit Gewissheit zu sagen. Aber fest steht, dass sich nun 22.000 weitere Angehörige der Rohingya, einer muslimischen Minderheit, auf der Flucht befinden. Das haben die Vereinten Nationen bekannt gegeben.

Das Nachbarland Bangladesch machte seine Grenze dicht, Flüchtlingsboote werden laut lokalen Medienberichten zurückgeschickt. Nach Angaben der myanmarischen Regierung starben in den vergangenen Tagen mindestens 67 Menschen, zuvor hatte ein Sprecher erklärt, bei den Unruhen seien 112 Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl wurde allerdings nach unten korrigiert - unabhängige Beobachter gehen indes davon aus, dass es mehr Opfer gegeben haben könnte.

Ursache der Gewalt ist ein schwelender ethnischer Konflikt: Fast 90 Prozent der Bevölkerung Myanmars ist buddhistisch. In Rakhine gibt es auch eine große Gruppe der muslimischen Rohingyas. Bereits im Juni war es hier zu Ausschreitungen gekommen, nachdem eine buddhistische Frau vergewaltigt worden war und der Verdacht auf Rohingyas fiel.

Damals starben bereits 90 Menschen, 3000 Häuser wurden abgebrannt. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch dokumentierte damals nach eigenen Angaben gezielte Tötungen, Vergewaltigungen und Verhaftungen, die myanmarische Sicherheitskräfte an Rohingyas begangen hätten. Schon bei dieser ersten Welle der Gewalt waren etwa 80.000 Muslime geflohen.

Eine der am meisten diskriminierten Volksgruppen der Welt

Die Rohingyas gehören nach Einschätzung der UN zu einer der am meist diskriminierten Volksgruppen der Welt. Weltweit gibt es etwa zwei Millionen Rohingyas, 800.000 von ihnen leben im Rakhine-Staat, 300.000 in Bangladesch, viele Tausend in Thailand und Malaysia. In Myanmar hat die Mehrheit der Gesellschaft eine tief sitzende Abneigung gegen die Muslime.

Umstritten ist ihre Herkunft. Sie selbst sehen sich als Bewohner Myanmars, die sich dort bereits vor mehr als 1000 Jahren angesiedelt haben. Die meisten Buddhisten in Myanmar betrachten sie hingegen als illegale Einwanderer aus Bengalen, sie hätten eine äußerst rassistische Haltung ihnen gegenüber, sagt ein Beobachter, der ungenannt bleiben möchte.

Als die damalige Militär-Junta im Jahr 1982 Gesetze erließ, wer zu den anerkannten "nationalen Rassen" zählt, verloren die Rohingyas ihre Staatsbürgerschaft und damit zahlreiche weitere Rechte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Präsident Thein Sein hatte nach dem Ausbruch der ersten Gewaltwelle gesagt: "Wir kümmern uns um unsere ethnischen Bürger, aber es ist nicht möglich, die Rohingyas zu akzeptieren."

"Es sind ganze Dörfer und Teile von Städten niedergebrannt worden"

Der Staatschef, der in den vergangenen Monaten weltweit Anerkennung für seinen Reformkurs in dem einst abgeschotteten Land erfahren hat, räumt nun ein, dass es zu einer Welle der Gewalt gegen Rohingyas gekommen sei. "Es sind ganze Dörfer und Teile von Städten niedergebrannt worden", sagte sein Sprecher. Das Büro von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, die ethnische Gewalt in Myanmar sei eine Gefahr für den politischen Fortschritt, den das südostasiatische Land auf den Weg gebracht habe.

Menschenrechtsorganisationen fordern die myanmarische Regierung auf, sie müsse "dringend die Sicherheit für die Rohingyas wieder herstellen, denn sie sind brutalen Attacken ausgesetzt", wie Phil Robertson von Human Rights Watch es formulierte. Auch müssten sich die politisch Verantwortlichen endlich darum bemühen, die Ursache der Gewalt zu bekämpfen, sonst werde sich die Lage "wahrscheinlich weiter verschlechtern".

Die Aktivisten veröffentlichten das Satellitenbild eines Viertels in Rakhine, das komplett niedergebrannt worden ist. Insgesamt sind nach Angaben der Regierung allein in den vergangenen Tagen 2800 Häuser zerstört worden.