Eskalation im Gaza-Streifen Israel droht Palästinensern mit Bodenoffensive

Steht ein neuer Krieg im Nahen Osten bevor? Die israelische Armee hat nach eigenen Angaben 20 Ziele im Gaza-Streifen angegriffen. Dabei kam der Militärchef der dort regierenden Hamas ums Leben. Die Palästinenser sprechen von mindestens acht Todesopfern. Premier Netanjahu erklärt, die Offensive werde länger dauern. Ägypten zieht seinen Botschafter aus Israel ab.

Von Tomas Avenarius

Der getötete Ahmed al-Dschabari (links) bei einem Treffen mit dem Hamas-Führer Khaled Meschal im Oktober 2011 in Kairo.

(Foto: REUTERS)

Die israelische Luftwaffe hat den Militärchef der im Gazastreifen regierenden Islamisten-Gruppe Hamas getötet. Ahmed al-Dschabari starb bei einem Raketenangriff auf sein Auto, als er durch Gaza-Stadt fuhr. Israels Armeesprecherin Avital Leibovitch erklärte, die Luftwaffe habe insgesamt 20 Ziele im Gazastreifen angegriffen. Dabei kamen nach palästinensischen Angaben mindestens acht Menschen ums Leben, 50 wurden verletzt.

Die israelische Führung erklärte, man habe Dschabari wegen seiner "jahrelangen Terroraktivität" getötet. Der israelische Geheimdienst Schin Bet teilte mit, der Palästinenser sei "verantwortlich für die Finanzierung und Ausführung von militärischen Angriffen und Terroranschlägen gegen Israel" gewesen. "Seine Vernichtung ist eine Botschaft an die Führer der Hamas", so der Geheimdienst Schin Bet. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte, die Offensive namens "Säule der Verteidigung" werde länger andauern; die Militärführung teilte zuvor mit, es könnte auch eine Bodenoffensive geben.

Ein BBC-Korrespondent in Gaza-Stadt berichtete, die Bevölkerung sei in Aufruhr, Hamas-Anhänger schössen in die Luft. Vor dem Krankenhaus, in das Dschabaris Leiche gebracht wurde, riefen Tausende nach "Vergeltung". Die Hamas erklärte, der israelische Angriff habe "die Tore zur Hölle geöffnet".

Hunderttausende suchen Zuflucht in Schutzräumen

Militante Palästinenser schossen am Mittwoch mindestens 20 Raketen Richtung Israel, dort suchten Hunderttausende Zuflucht in Schutzräumen.

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki Moon, rief die Konfliktparteien zur "sofortigen Deeskalation" auf. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte in Berlin: "Wir verfolgen mit sehr großer Sorge diese grenzüberschreitenden Auseinandersetzungen." Es dürfe nicht zu einer "neuen Spirale der Gewalt" kommen.

Die USA erklärten, die Entwicklung der Situation im Gazastreifen "genau zu beobachten. Wir sind solidarisch mit unserem israelischen Partner in seinem Recht, sich selbst zu verteidigen", sagte Pentagon-Sprecher Stephen Warren.

Ägypten zieht Botschafter aus Israel ab

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas forderte eine Dringlichkeitssitzung der Arabischen Liga. Ägypten zog seinen Botschafter aus Israel ab, der ägyptische Außenminister Mohammed Kamel Amr forderte Jerusalem zum sofortigen Stopp seiner Luftangriffe auf. Die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der islamistischen Muslimbrüder warnte, Kairo werde nicht zulassen, dass "die Palästinenser zum Ziel israelischer Aggression werden".

Dschabari ist der ranghöchste Hamas-Vertreter, der seit dem Krieg Israels gegen den Gazastreifen 2009 getötet wurde: Israel hatte das Palästinensergebiet damals wegen Raketenangriffe auf Südisrael wochenlang bombardiert, bevor die Armee mit Bodentruppen vorrückte. Mindestens 1200 Palästinenser starben, die Zahl der israelischen Opfer lag bei rund einem Dutzend.

In den vergangenen Wochen ist es immer wieder zu Angriffen gegen Israel von Gaza aus gekommen. Zudem gab es mehrere, zum Teil vereitelte Angriffe vom ägyptischen Sinai aus, an die der Gazastreifen angrenzt. Die beiden Gebiete sind durch eine Reihe geheimer Tunnels verbunden. Auf diese Weise kommen Waffen in den Gazastreifen, die seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi vor allem aus Libyen stammen. Kämpfer radikaler Gruppen sollen zudem regelmäßig hin- und her wechseln.

Palästinenser drängen auf Anerkennung durch UN

Die Tötung Dschabaris kommt zu einem schwierigen Zeitpunkt in den israelisch-palästinensischen Beziehungen: Die Palästinenser machen gerade ernst mit ihrer Forderung nach Anerkennung ihrer Staatlichkeit durch die Vereinten Nationen. Der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, will laut Angaben der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafaam 29. November bei den UN beantragen, dass Palästina den Status "Beobachterstaat ohne Mitgliedschaft" erhält. Israel drohte mit weitreichenden Schritten.

Umweltminister Gilad Erdan sagte dem Rundfunk am Mittwoch, Israel könnte in dem Fall die jüdischen Siedlungen im Westjordanland annektieren und die Friedensverträge mit den Palästinensern aufkündigen. US-Präsident Barack Obama hat die Palästinenser vergeblich zu einem Verzicht auf die Initiative zur Anerkennung ihrer Staatlichkeit gedrängt. Es gebe jedoch kein Zurück mehr, teilte die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah mit.

Palästinenserpräsident Abbas war im vergangenen Jahr mit seiner Initiative für eine UN-Vollmitgliedschaft gescheitert. Der nun weniger ambitionierte Antrag bedarf nur einer Mehrheit in der Vollversammlung, die als sicher gilt. Die Palästinenser hätten dann einen UN-Status wie der Vatikan.