Aygül Özkan ist die erste deutsche Ministerin mit türkischen Eltern - und ausgerechnet von der CDU. Eine historische Entscheidung.
Türkische Zeitungen drucken nur sehr selten deutsche Schlagzeilen. Am Dienstag aber war es so weit: "Dankeschön Frau Merkel" titelte das Massenblatt Hürriyet in seiner Deutschland-Ausgabe und ließ die CDU-Vorsitzende hochleben, weil ihre Partei die Deutsch-Türkin Aygül Özkan in Niedersachsen zur Ministerin gemacht hat. Die neue Zweisprachigkeit rechtfertigte die Redaktion mit der "historischen Entscheidung" - zu recht.
Aygül Özkan ist zur ersten türkischstämmigen Ministerin in Deutschland berufen worden. (© Foto: dpa)
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Erstmals gelangt mit Özkan jemand mit türkischen Eltern in ein deutsches Regierungsamt, als Sozial- und Integrationsministerin. Die Berufung ist eine Ermutigung für die 15 Millionen Zuwanderer und ihre Kinder, vor allem aber für die etwa drei Millionen Türken und Deutsch-Türken: Ihr könnt es bis nach oben schaffen.
Dass es ein türkischstämmiger Politiker irgendwann zum Minister bringen würde, war zu erwarten. Dass die CDU diesen Schritt als Erstes tut, ist eine Überraschung. Ausgerechnet die Partei, die das Christliche im Namen und eine erschwerte Zuwanderung im Programm stehen hat, holt eine Muslimin als Ressortchefin.
Doch das gewagte Manöver könnte sich auszahlen: Bei den liberal eingestellten Einheimischen kann sich die CDU damit als weltoffen präsentieren, bei den Zuwanderern kann sie sich als neue politische Heimat für Migranten darstellen. Sie zapft damit ein wachsendes Wählerpotential an: Gut vier Millionen Zugewanderte besitzen bereits den deutschen Pass, etwa 600000 von ihnen haben türkische Wurzeln - und jedes Jahr kommen fast 100000 Neudeutsche durch Einbürgerung hinzu. Die Berufung Özkans ist deshalb vor allem ein taktischer Schritt.
Es hat lange gedauert, bis die Christdemokraten bereit waren, diese Menschen auch als Chance zu begreifen. In der Kohl-Ära existierten die vermeintlichen Gastarbeiter vor allem als Problemtürken, als Verfügungsmasse im Ringen um Wählerstimmen. Franz Josef Strauß warnte damals vor einem Zustrom von "Kanaken", Kohl lehnte 1993 nach dem tödlichen Brandanschlag auf Türken in Solingen einen Besuch ab mit dem Satz, er halte nichts von "Beileidstourismus", und CDU-Innenminister Manfred Kanther wetterte gegen den Vorschlag, Zuwanderer-Kinder sollten wenigstens bis zur Volljährigkeit zwei Pässe behalten dürfen: "Soll dann der junge Türke unter dem Brandenburger Tor seinen deutschen Pass verbrennen?" Solche Sätze haben Wunden geschlagen, sie sind vielen Deutsch-Türken bis heute befremdlich in Erinnerung. Erst nach Kohls Abgang 1998 bahnte sich ein Wandel an, wurden Zuwanderung und Integration als CDU-Themen entdeckt, mit denen sich punkten lässt, wurde ernsthaft versucht, einen Deutsch-Türken, Bülent Arslan, für den Bundestag zu nominieren.
Die Integrationskräfte einer Volkspartei
Natürlich läuft dieser Prozess nicht konfliktfrei ab. Hessens Ministerpräsident Roland Koch entfachte eine Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft und gewann damit 1999 die Landtagswahl; Jahre später half ihm das Polemisieren gegen ausländische jugendliche Straftäter nichts mehr. Aber Bülent Arslans Kandidatur scheiterte 2001 am Widerstand der CDU-Basis, wo bis heute große Skepsis gegenüber Deutsch-Türken herrscht. Ihre Zukunft ist den meisten Parteimitgliedern kein Herzensanliegen, sie sind allenfalls als Wähler von Nutzen. Die Parteiführung aber setzt auf die Integrationskräfte einer Volkspartei, die in ihrer Geschichte schon andere große Gruppen in ihre Reihen aufgenommen hat. Konrad Adenauer gelang es, in den Anfangsjahren der Bundesrepublik die Millionen Vertriebenen weitgehend für sich zu gewinnen. Ihre Vertreter ließ er an prominenter Stelle Politik machen, seine Sozialpolitik ebnete ihnen den Weg für ein neues Leben in Westdeutschland. Viele von ihnen machten Karriere.
Ein ähnliches Angebot macht die CDU nun den heutigen Zuwanderern. Vergangenes Jahr rief der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet die Aufsteiger-Republik aus - eine Idee, der sich erst vergangene Woche die Berliner Landes-CDU in einem liberalen Integrationskonzept anschloss. Auch mit Muslimen teile man doch einige Werte, heißt es da, etwa den Respekt für die Familie, aber auch Gesetz und Ordnung. Die neue Ministerin Özkan passt gut in dieses Bild: Sie hat es mit Fleiß zu etwas gebracht. Die Juristin war Führungskraft bei der Telekom und trat der CDU bei, weil deren Programm ihren eigenen Grundüberzeugungen entspricht.
Diesem Modell hat die SPD derzeit wenig entgegenzusetzen, zu wenig, um ihre traditionell hohen Zustimmungswerte unter Migranten aus der Türkei und Südeuropa halten zu können. Es fehlen ihr bekannte Zuwanderer in Parlamenten und Regierungen sowie Köpfe, die die Integrations-Debatte mit bestimmen. Die Anziehungskraft eines Gerhard Schröder, der auch wegen seines Einsatzes für Doppelpass und den EU-Beitritt der Türkei viel Zuspruch erfuhr, schwindet, während die SPD mehr und mehr mit den Poltereien ihres Ex-Senators Thilo Sarrazin assoziiert wird. Der Hürriyet-Bericht lässt sich deshalb auch als Warnung an die SPD lesen, ihrer Zuwanderungspolitik endlich ein Gesicht zu geben. Denn die zweite Schlagzeile zu Aygül Özkan lautet: "Unsere erste Ministerin".
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 21.04.2010/segi)
Stockender Kita-Ausbau
Schade CDU - hier läuft was schief!
Ich frage mich, wieso eine Partei, die aus ihrem Namen heraus die Werte des christlichen Abendlandes verteidigen wollte sich dazu entschließen konnte, eine muslimische Ministerin aufzustellen, die noch vor Amtsantritt verkündet, wie sie die Werte unserer abendlänlichen Kultur abbauen will und die Türkei in die EU bringen will.
Das ist nicht der Weg, den ich für mein Vaterland wünsche.
Hoffentlich bereut die CDU diesen Schritt nicht wenn ihr die Wähler nach weiter rechts abwandern werden.
Frau Merkel würde scheinbar ihre Großmutter verkaufen, wenn sie auf Stimmenfang aus ist.
Links von der CDU kann man AUCH NICHT WÄHLEN WEIL DIE CDU JA SCHON ZIEMLICH WEIT LINKS LÄUFT.
Was bleibt uns denn dann noch übrig?
Viele Argumente in diesem Beitrag, nur nicht überzeugend. Ein Gegenargument: Würden die muslimischen Staaten (Würde ein muslimischer Staat) sich dermaßen hineinreden lassen? Nein, sicherlich nicht. Und man muss ihnen sagen: Richtig so! Es gibt nun mal Regionen, die muslimisch oder christlich geprägt sind. Soll nun jede Region ihre Prägung aufgeben, verneinen?
Weiterhin sollte wir nun gelernt haben, dass ein Kreuz nicht gleich ein Kruzifix ist.
Der "Konflikt" Islam / Christentum wird sehr überzeugend und aufklärend von Peter von Zech in seinem spannenden und dramatischen, ja mitreißenden Roman SONNE UND SCHATTEN (ISBN: 9783839144077) dargestellt, auch mit bekannten Beispielen. Weiteres dort abgehandeltes Thema sind die Integrationsprobleme in Deutschland, wobei der Autor auch die Urheber dieser vermeidbaren Probleme nennt. Tolles Buch!
Das war wohl oder sollte wohl ein guter Schachzug sein, aber
die Konservativen in der Union werden es schon zeigen!
Es geht doch nicht, dass die Kreuze aus den öffentlichen Gebäuden verschwinden, so hört man die sagen!
"Wir sind doch eine christliche partei und haben das Recht, die Kruzifixe mit dem Gekreuzigten (übrigens ein Opfer der Römer usw.!
nach unserer Überzeugung anzubringen!" so die Meinung vieler in den sogenannten schristlichen parteien!
Das Gleichheitssatz des Grundgesetzes findet dabei aber keine Beachtung; denn dann müßten auch andere religiöse Symbole angebracht werden, auch die der Moslems!
Darum am besten, alle weg, dann hat die Seele Ruhe und findet Frieden!
Das kann man auch als Drohung auffassen. Ich tue es auch!
Der eigentliche Skandal bei diesem billigen politischen Marketing-Coup Wulffs liegt doch an anderer Stelle. Eine weitere CDU-Wirtschaftsexpertin wird jetzt Sozialministerin (mit extra zugeschnittenem Integrations-Anhängsel). Warum eigentlich? Weil der CDU das Ressort Soziales mittlerweile völlig egal zu sein scheint, ein Klotz am Bein. Personell ist das in der Partei einfach nur noch eine Leerstelle. Null! Nada! Niemand! - Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit diesen NRW-Spaßvögeln, dem "Arbeiterführer" und seinen Wasserträgern. Und das in der Partei von Süssmuth, Blüm, Geißler, Fink - traurig! Sozialpolitik findet in der Union einfach nicht mehr statt, nurmehr eine wirtschaftsliberale Monokultur.
Nicht die "Deutsch-Türkin" in dieser Position wird die Kerntruppen der Union irritieren, es ist vielmehr die soziale Kälte, die die Partei mittlerweile in fast allen Gliederungen verströmt.
Beachtlich, wie viele Islam- und/oder Migrantenfeinde sich heute in diesem Forum herumtreiben, die eine deutsche Politikerin ablehnen, bloß weil ihnen deren Religion und Herkunft der Eltern nicht schmecken. Im Dreißigjährigen Krieg haben sich unsere Vorfahren darüber die Köpfe eingeschlagen. Scheint nicht geholfen zu haben. (Ist es da wirklich so wichtig, daß Özkans Vorfahren diese Erlebnisse verpaßt haben? )
Wer dem Kommentar von Kinderhort nicht zustimmen kann (viel Kraft und viel Erfolg für einen Mitmenschen und die Ministerin einer demokratisch gewählten Partei!), über dessen tolerante und demokratische Gesinnung mache ich mir ziemliche Sorgen. Und über dessen Eignung als Wähler ebenfalls: Wenn Kompetenz egal wird, weil Politiker lieber die richtige Augen- und Haarfarbe haben oder in ihrer Kindheit "O Tannenbaum" gesungen haben sollen... oder wenn es ein Ausschlußkriterium für einen deutschen Politiker ist, wenn eine ausländische Zeitung sich für ihn ausspricht (erinnert sich eigentlich noch jemand an "Wir sind Papst"?)... dann graut mir vor dem, was derartige Wähler gern an die Macht wählen möchten...
Paging