Ermittlungen zu NSU und Hells Angels Warnung vor Steffen R.

Bei den Sicherheitsbehörden hat es schon viele merkwürdige V-Leute und angebliche Kronzeugen gegeben, aber die Chuzpe von Steffen R. und die Treue der Kieler Ermittler sind nicht alltäglich. Bereits im September 2003 hat das Landeskriminalamt (LKA) Sachsen-Anhalt vor einer Zusammenarbeit mit Steffen R. gewarnt. Er war als V-Mann auch in der Neonazi-Szene im Einsatz gewesen und hatte sich als unzuverlässig erwiesen. Seinen damaligen V-Mann-Führer, der jetzt Kriminalrat in Sachsen-Anhalt ist, hatte er in Schwierigkeiten gebracht. Dieser Warn-Vermerk lag den Kieler Ermittlern offenbar nicht vor. Sie vermuteten nur, der aus dem Osten stammende Steffen R. sei im Rahmen irgendeines Zeugenschutzprogrammes nach Schleswig-Holstein gekommen.

In seiner Vernehmung in Sachen NSU behauptete Steffen R. im Juni 2012, er habe 2002 im Auftrag des LKA Sachsen-Anhalt und des LKA Thüringen eine von den Behörden bezahlte Party in Weißenfels veranstaltet, bei der Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gegen 23.30 Uhr aufgetaucht seien. Zschäpe habe zur Fortsetzung des bewaffneten Kampfes gegen Ausländer aufgerufen. Ein Thüringer Verfassungsschützer, der dabei gewesen sei, habe die Rede Zschäpes dokumentiert. Etwa 2009, er saß zuvor wieder mal in Haft, habe er das Trio erneut gesehen. "Die beiden Uwes und die Beate" hätten mit örtlichen NPD-Funktionären in Kiel beieinandergestanden, und einer von der NPD habe gesagt, die drei seien jetzt für das "Grobe" zuständig. Sie seien gekommen, um Waffen zu kaufen. Das Trio habe dann ein Maschinengewehr, eine Maschinenpistole, mehrere Pistolen sowie Schrotflinten bekommen. Später seien auf die "Alte Meierei", die als Zentrum der Linken in Kiel gilt, gefeuert worden. Die beiden Uwes und einer von der NPD hätten geschossen.

Nach den Feststellungen der Bundesanwaltschaft stimmt an diesen wilden Geschichten nichts. Zwar wurden bei dem Trio zwanzig Waffen gefunden, aber die von R. angegebenen Schießgeräte waren nicht darunter. Diese Wertung gilt für alle wesentlichen Punkte seiner Aussage.

Urlaubsfotos der NSU-Terroristen

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Ein früherer Mithäftling von Steffen R. hat den Ermittlern berichtet, er habe R. 2011 im Knast zu Neumünster den Tipp gegeben, dass man Leute belasten müsse, die bekannt seien, damit man in ein Zeugenschutzprogramm komme. Das BKA hat sich auch mit der Frage beschäftigt, was R. dazu gebracht hat, seine Aussagen zu machen. Gründe könnten die Aussicht auf Geld oder die Hoffnung auf Aufnahme in das Zeugenschutzprogramm des BKA sein, schrieben die Ermittler.

Nicht in Karlsruhe, aber in Kiel hat sich für R. bislang ausgezahlt, dass er geliefert, was mancher von ihm erhofft hat. Er stand 2012 in Kiel wegen Menschenhandels, Zuhälterei, schwerer Körperverletzung sowie versuchter Erpressung vor Gericht. Er soll zwei Frauen mit Gewalt zur Prostitution gebracht haben. Dem 40-Jährigen drohten bis zu zehn Jahren Haft, das Landgericht Kiel verurteilte ihn jedoch zu vergleichsweise milden vier Jahren und vier Monaten, nachdem er in dem Prozess aus dem angeblichen Innenleben der Hells Angels berichtet hatte.

In einem Plädoyer hatte ihn der Ankläger dafür gelobt, dass er in dem Verfahren gegen Rocker ausgesagt habe und dabei große persönliche Risiken eingegangen sei. In den anstehenden Rockerverfahren könnte er eine Art Kronzeuge sein.