Erfolg für Provokateur Palikot in Polen Lautsprecher mit Substanz

Sieg mit Schatten: Polens Premier Donald Tusk bleibt im Amt, doch er hat das Vertrauen wichtiger Schichten verloren. Die jungen Wähler und die aufstrebende Elite unterstützen den Querdenker Janusz Palikot, der Staatsbetriebe privatisieren und die Macht der katholischen Kirche einschränken möchte. Der Millionär ist weit mehr als ein Polit-Clown: Er könnte die polnische Gesellschaft nachhaltig verändern.

Von Thomas Urban, Warschau

Donald Tusk hat Historisches geleistet: Erstmals seit der demokratischen Wende 1989 ist ein Premier in Polen wiedergewählt worden. Doch die Wähler haben noch einen anderen Mann zum Sieger der gestrigen Wahl gemacht. Mit knapp zehn Prozent der Stimmen ist die "Bewegung zur Unterstützung Palikots" (Ruch Poparcia Palikota; RPP), gegründet von dem früheren Abgeordneten Janusz Palikot, überraschend zur drittstärksten Kraft im Parlament geworden.

Die Gruppierung bezeichnet sich als antiklerikal und ultraliberal, sie fordert die strikte Trennung von Kirche und Staat, eine Lockerung des Abtreibungsverbotes nach westeuropäischem Vorbild, den Abbau der Bürokratie sowie des EU-Apparats. Staatsbetriebe sollen privatisiert, die Freiheit im Internet gewährleistet und die Homoehe anerkannt werden.

Landesweites Aufsehen erregte Palikot mit politischen Happenings und Provokationen - in eine Fernsehsendung über Korruptionsfälle rund um die EM 2012 in Polen und der Ukraine brachte er 2008 der "Fußball-Mafia" einen abgeschnittenen Schweinekopf mit. Allerdings ist er weit davon entfernt, sich als politischen Clown zu sehen; er ist ein erfahrener Abgeordneter, fast zwei Legislaturperioden gehörte er der PO an und leitete sogar auch einen Parlamentsausschuss.

Junge Polen sind von Tusk enttäuscht

Erste Analysen ergeben, dass Palikot vor allem dem Demokratischen Linksbündnis (SLD) und der regierenden Bürgerplattform (PO) unter Premier Donald Tusk Stimmen weggenommen hat. Der Regierungschef hat sich seit 2007 vom Rechtsliberalen zum traditionsbewussten Konservativen gewandelt.

Bei zwei Wählergruppen hat Palikot deshalb besonders viele Stimmen erhalten: Bei den Jungwählern bis 25 Jahren und bei der aufstiegsorientierten Generation zwischen 30 und 40 Jahren. Ein Großteil der jungen Polen ist von Tusk stark enttäuscht. Dieser hatte vor vier Jahren umfassende Reformen und eine Liberalisierung der Staatsmacht angekündigt, aber dann nur einen kleinen Teil dieser Projekte mit Verzögerung in Angriff genommen.