Erfolg der Piratenpartei Wo das wahre Potential der Piraten liegt

Dass die Piraten solche Meinungsverschiedenheiten aus Prinzip öffentlich austragen, bestätigt zusätzlich das Bild der "Chaos-Truppe". Sie streiten sich vor aller Welt darüber, wie man mit ehemaligen NDP-Mitgliedern umgeht und darüber, wer Fraktionsvorsitzender wird. Was bei den etablierten Parteien eine Panne ist - wenn alles durcheinanderschreit, sich widerspricht, ist bei den Piraten der gewollte Normalzustand: kein Geklüngel, keine verschlossenen Türen, keine druckreifen Pressemitteilungen. Trotzdem gab es Leute, die sich wunderten, als beim ersten Antrag der Piraten im Abgeordnetenhaus jeder von ihnen abstimmte, wie er wollte. "Ach, bei uns gibt's gar keinen Fraktionszwang... äh... ich mein' Fraktionsdisziplin? Übarraschung" (sic!) twitterte der Fraktionsvorsitzende Andreas Baum hinterher.

Die etablierten Parteien führen den Erfolg der Truppe nur auf deren Internetpräsenz zurück. "Wir sind doch auch online", rufen sie und versuchen, auf den Zug aufzuspringen - die Grünen mit einem Antrag über die Chancen des Internets, die Union in Gestalt von Peter Altmaier, der munter twittert oder Thomas Oppermann von der SPD, der via Twitter dem Chaos Computer Club für die Aufdeckung der Staatstrojaner-Affäre dankt.

Vieles davon wirkt nicht sonderlich authentisch. Die meisten Politiker-Tweets klingen, als würden sie vom Pressereferenten befüllt, so hölzern sind sie. Da wird einfach die Parteimeinung in 140 Zeichen gepresst. Anders bei den Piraten. "Ich prangere diese Unterleibsschmerzen an", twittert zum Beispiel Marina Weisband, "sie sind sexistisch und von keiner Stelle legitimiert."

Entscheidender ist noch ein anderer Punkt: Obwohl sich die Piraten selbstverständlich im Netz bewegen, ist der Vorwurf, sie überhöhten das Internet, seltsam. Denn sie überhöhen es viel weniger, als es einige konservative Politiker tun. Es sind nicht die Piraten, die sich vor dem Netz fürchten, als sei es eine wütende Bestie, die alles auffrisst, was sich hinein begibt. Nicht die Piraten machen das Netz verantwortlich für Terror, Mobbing und Kriminalität.

Die Piraten wissen, dass meist nicht das Medium für die "Message" verantwortlich ist, sondern die, die es benutzen. Also Menschen. Die verlockendste Botschaft der Piraten ist auch nicht das Internet, es sind die Möglichkeiten, die daraus erwachsen: Transparenz und Mitbestimmung. Hier liegt das wahre Potential der Partei. Mehr Mitmachen wünschen sich nicht nur Computer-Nerds, sondern auch wohlsituierte Bürgersfrauen, Rentner und Familienväter. Das hat die bunte Mischung auf den Occupy-Protesten gezeigt.

Nun teilen ausgerechnet die Alt-68er den Piratenanhängern gönnerhaft mit, dass das mit der Basisdemokratie nicht so einfach sei, weil das schließlich schon die Grünen vor 25 Jahren vergeblich versucht hätten. Dass Basisdemokratie schwierig ist, wissen die Piraten selber, sie sind nach der Bundestagswahl 2009 fast an internen Streitereien zerbrochen. Und es wird bei ihnen wohl auch in Zukunft viel Zoff geben. Vielleicht werden sie als Partei sogar scheitern. Aber ein Grund, es gleich ganz bleiben zu lassen, ist das nicht. Die Idee der Online-Mitbestimmung ist in der Welt.

Die 68er trugen ihren Protest auf die Straße, wo ihn ihre Eltern sehen konnten. Heute sind die Jungen im Netz - wo die Alten sich nicht auskennen. Die Piraten holen jetzt das Netz rein in den Politikbetrieb. Alles, was daraus folgt, ist immer noch ein Generationenkonflikt, aber einer nach gewohntem Muster: Die Alten meckern, wissen alles besser, prophezeien ein Scheitern. Die Jungen experimentieren, scheitern wirklich, machen trotzdem weiter und verändern am Schluss vielleicht nur ein bisschen was, nicht alles. Aber auf dieses bisschen kommt es an.

Unsere Autorin Hannah Beitzer, 29, freut sich auf Ihre Twitter-Kommentare: @HannahBeitzer