Erdogan fordert Nato-Beistand gegen Syrien Wink an das Bündnis, Drohung an Assad

Nur ein einziges Mal in 60 Jahren hat die Nato bisher den "Bündnisfall" ausgerufen - nach dem 11. September 2001. Wenn nun der türkische Premier die Bündnispartner in die Pflicht nehmen will, heißt das nicht, dass er sich amerikanische Soldaten in seinem Land wünscht. Erdogans Aufruf soll ein Signal sein - an die Nato-Staaten, aber auch an Syriens Präsident Assad.

Ein Kommentar von Christiane Schlötzer

Man muss eine Weile im Gedächtnis kramen, um sich zu erinnern, wann dies zum letzten Mal geschehen ist: Der Regierungschef eines Nato-Landes droht damit, zum Schutz der eigenen Grenzen den Beistand des Bündnisses anzufordern. Nur ein einziges Mal in ihrer über 60-jährigen Geschichte hat die Nato den "Bündnisfall" ausgerufen - nach dem 11. September 2001. Die politische Fallhöhe ist damit markiert, wenn der türkische Premier Tayyip Erdogan nun davon spricht, die Nato habe die Pflicht, die Grenzen seines Staates vor gewaltsamen Übergriffen aus Syrien zu schützen.

Eine Nato-Sprecherin hat sich denn auch "sehr besorgt" über die Schüsse auf ein türkisches Flüchtlingslager geäußert. Dass sich aber demnächst britische und amerikanische Soldaten aufmachen, die 900 Kilometer lange türkisch-syrische Grenze zu schützen, das dürfte auch in Ankara niemand erwarten - oder wünschen. Fremde Soldaten auf türkischem Boden sind generell wenig willkommen.

Erdogan aber wollte wohl deutlich machen, dass die Türkei die Last der Syrienkrise, zumal wenn der Flüchtlingsstrom weiter anschwillt, nicht alleine tragen will. Zudem hat er sich mit seinen Reden über eine Pufferzone im Grenzgebiet zuletzt schon weit aus dem Fenster gelehnt. Eine solche Schutzzone müsste militärisch gesichert werden, wobei die Türkei auch keine Solistenrolle anstrebt.

Erdogan hat deshalb den Ball nun ins Feld der Nato gerollt, wo er erst einmal unberührt liegen bleiben wird. Zumindest so lange, bis klar ist, was aus Kofi Annans Friedensplan wird. Die Erinnerung an die Beistandspflicht im Bündnis ist daher - vor allem - eine Drohung an den Noch-Herrscher in Damaskus, seine Gegner nicht zu unterschätzen.